Alarmstufe Violett: Erzgebirge Aue und das Abstiegsszenario
Einen 0:2-Rückstand in der Fremde noch aufzuholen, ist selten ein schlechtes Zeichen. Doch der Punktgewinn von Erzgebirge Aue in Köln war nach den Ergebnissen vom Wochenende gar nicht mal so viel wert. Das Abstiegsszenario droht realer zu werden.
Glückliche Aufholjagd in Köln
20,8 Prozent: So hoch ist die Quote der gewonnenen Spiele von Erzgebirge Aue in der laufenden Saison. Das allein ist schon besorgniserregend für den langjährigen Zweitligisten. Doch die Ziffer wird aktuell auch noch von Woche zu Woche etwas kleiner. Das 2:2-Remis bei Viktoria Köln mochte sich dank der späten Aufholjagd zunächst gut und als Punkt der Moral anfühlen, letztlich aber waren die Akteure um Cheftrainer Christoph Dabrowski von einer siegreifen Darbietung weit entfernt.
Und hatten dazu noch gleich dreimal das Schiedsrichterglück auf ihrer Seite, wie liga3-online.de-Experte Babak Rafati urteilte. Keine Frage: Eine verdiente Rote Karte für Stürmer Vincent Ocansey (31.) beim Stand von 0:1 aus Auer Sicht wäre der frühe Knock-out gewesen, ein Köln-Strafstoß beim Stand von 1:2 ebenfalls – und der Freistoß zum 2:2-Ausgleich hätte so auch nicht gepfiffen werden dürfen.
Was an den Folgetagen in den Drittliga-Spielstätten passierte, ordnete den sportlichen Wert dieses Punktes ein: Saarbrücken, eine Woche zuvor noch beim 0:0 im Erzgebirgsstadion mit Abschlusspech, beendete seine monatelange Durststrecke und zog ebenso in der Tabelle davon wie Alemannia Aachen (3:1 in Ulm). Noch bedenklicher ist dies, weil sowohl der FCS als auch die Alemannia ihre Erfolge mit guten Leistungen "angekündigt" hatten. Und weil sie, speziell in der Offensive, über Unterschiedsspieler verfügen.
Ganz schwache Offensivstatistik
Aue bietet hier bemitleidenswerte Statistiken: Nur Schweinfurt, einer der schwächsten Drittligisten seit Einführung der Spielklasse, hat weniger Tore erzielt (20). Die gefährlichsten Offensivkräfte haben nur jeweils drei (!) Tore auf dem Saisonkonto, ein echter Stürmer ist nicht dabei. Marcel Bär, der in Köln zum zweiten Mal in acht Punktspielen traf, dürfte dies bald zwar ändern. Aber nach seinem Achillessehnenriss ist der Drittliga-Experte noch nicht wieder in früherer Form – und hat ganz nebenbei, im Frühsommer wird Bär 34 Jahre alt, sein Leistungsmaximum vielleicht schon erreicht.
Winter-Leihe Ocansey kommt unterdessen mit etwas Zweitliga-Erfahrung, sammelte diese Jokerminuten aber, als Heimatverein Arminia Bielefeld alle Stürmer ausgegangen waren. Eigentlich ist der 25-Jährige seit 2020 leistungsmäßig stets zwischen Regionalliga und Oberliga heimisch gewesen, und es wäre überraschend, sollte er nun der offensive Heilsbringer werden. Die Alternativen heißen Jannic Ehlers, Maximilian Schmid und Ricky Bornschein – und kommen in addierten 45 Saisoneinsätzen auf ganze zwei Tore.
Dass Ocansey der einzige Wintertransfer blieb, wo sich die direkte Konkurrenz teils zigfach verstärkte, wirft weitere Fragen auf. Ist Erzgebirge Aue finanziell selbst im unteren Drittel der 3. Liga mittlerweile abgeschlagen unterwegs? Können die ausbleibenden TV-Einnahmen, die in immerhin 16 Zweitliga-Jahren seit 2003 ein wichtiges Zubrot für den Klub aus der sächsischen Kleinstadt waren, nicht mehr kompensiert werden?
Stagnation in jeder Hinsicht
Auch die Zuschauerzahlen stagnieren in Zeiten, in denen andere Vereine neue Fans wie Magnete anziehen, seit Jahren: 8.600 kommen pro Partie im Durchschnitt, getrieben von den wenigen Jahreshighlights gegen andere Ostvereine wie Rostock oder Cottbus. Gegen weniger attraktive Gegner bleiben oft mehr als die Hälfte der 15.500 Plätze leer. Standortnachteile mussten die Veilchen dabei schon immer kompensieren, doch der Strukturwandel ist anderswo kaum so sehr zu spüren wie im ländlichen, ostdeutschen Bereich – und man erinnere sich, erst im Sommer reiste mit Testspieler Christoph Ehlich sogar ein Profi freiwillig wieder ab, weil er sich in Aue – aus welchen Gründen auch immer – nach eigener Aussage "nicht wohlgefühlt" hatte.
Sexy ist das Erzgebirge jedenfalls aus fußballerischer Sicht aktuell nicht – die Nachwirkungen des stark ergebnisorientierten, aber zuweilen unansehnlichen Fußballs von Ex-Trainer Jens Härtel sind unverkennbar. Christoph Dabrowski bietet eigentlich das Profil, dies ändern zu können. Aber in der aktuellen Ausgangslage? Aue braucht sofort Siege, damit sich der rettende 16. Platz nicht noch weiter entfernt. Drei Punkte fehlen derzeit. Doch gegen wen soll das gelingen in einer Rückrunde, in der der FCE noch sieglos ist – und das trotz direkter Duelle mit Köln, Saarbrücken, Havelse und Ulm?
Die andere Seite der Tabelle lernt man jetzt kennen: Heimspiele gegen Cottbus und Osnabrück, Gastspiele in München und Essen warten unter anderem bis Mitte März. Führt sich der aktuelle Trend so fort, würde das Abstiegsszenario endgültig realer werden.