Wie der Befreiungsschlag von Alemannia Aachen einzuordnen ist

Nach zwei heftigen Klatschen drohten Alemannia Aachen neuerliche Pfiffe, doch eine in weiten Teilen blutjunge Mannschaft hielt dem Druck gegen Rostock bravourös stand. Im Mittelpunkt steht ein Leihspieler, der vom Verletzungspech anderer profitierte und jede Menge Argumente lieferte, künftig gesetzt zu sein.

Perfekt gestartet, souverän verteidigt

Durchatmen, Alemannia! Genau ein Spiel war dem TSV Alemannia Aachen von einer handfesten Krise entfernt. Doch wenige Tage, nachdem er zuerst von der Spielfreude der Kölner Viktoria ein mittelschweres Trauma bekommen hatte – Endergebnis 2:5 im eigenen Stadion – und der folgenden 0:3-Pleite beim SV Wehen Wiesbaden haben sich die Kaiserstädter rehabilitiert und das Umfeld besänftigt. Kampf und Leidenschaft auf tiefem Geläuf, Effektivität und eine Prise Spielglück ebneten den Weg zum 2:0-Sieg über Hansa Rostock, die Krise wurde kurzerhand vom Tivoli in Richtung Ostsee weitergereicht. Und nicht nur Trainer Mersad Selimbegovic atmete ganz tief durch.

Reden und analysieren lässt sich im Fußball viel. Was auf dem Platz passiert, ist – an diesem Wochenende zum Glück aus Sicht von Alemannia Aachen – nicht zu prognostizieren. Am Samstag passierte, was ob der Umstände nicht zu erwarten war: Der Tag lief wie geschmiert. Mit dem ersten Torschuss fiel das 1:0, nach 26 Minuten folgte die komfortable Zwei-Tore-Führung. Beide Abschlüsse hätte ein Drittliga-Torhüter an guten Tagen halten können, Aachen durfte es egal sein. Besser ließ sich auf aufkommende Kritik nach der bereits dritten heftigen Niederlage der noch jungen Saison, auch das 0:3 daheim gegen Meppen hatte schwer geschmerzt, nicht reagieren. Zumal der TSV, mit Ausnahme einer Phase zwischen der 46. und 60. Minute, das Ergebnis auch ziemlich souverän herunterspielte. Nach acht Gegentoren in 180 Minuten war dies alles andere als selbstverständlich.

Neue Dreierkette überzeugt erstmals – Leonard erstaunt alle

Der Widerstand der ausbleibenden Ergebnisse war dabei längst nicht der Einzige, den es zu durchbrechen galt. Auch personell hat die Alemannia in diesen Wochen einige zusätzliche Gewichte zu tragen, muss insbesondere im Defensivverbund improvisieren. Am Samstag fehlten gegen Hansa Rostock erneut Gideon Jung aufgrund von Leistenproblemen, Marius Wegmann steht nach seiner Unterarm-OP im August noch nicht wieder zur Verfügung. Zum dritten Mal in Folge im Kader befand sich immerhin Kapitän Mika Hanraths. Dass der 27-Jährige selbst bei der 2:0-Führung nicht zur späten Absicherung ins Spiel gebracht wurde, durfte aber als Indiz gewertet werden, dass auch er zwei Monate nach seinem letzten Pflichtspiel noch ein gutes Stück vom Bestzustand entfernt ist.

Als Profiteur fühlen durfte sich am Samstagnachmittag Dylan Leonard: Der 19-jährige Australier zeigte einen abgebrühten und sehr konzentrierten Nachmittag, der einzig das Sahnehäubchen verwehrt blieb, als die Leihgabe von Schalke 04 Momente nach dem Seitenwechsel sein Premieren-Tor knapp verpasste. "Es ist für ihn wichtig, Zeit zu kriegen für die Abläufe. Er darf nicht zu schnell verbrannt werden", sagte Selimbegovic auf der Pressekonferenz nach Spielende, ließ es sich aber nicht nehmen, ein Extralob nachzuschieben: "Mit seinen 19 Jahren bringt er viel Ruhe und Klarheit, trifft taktisch kluge Entscheidungen – da können sich viele einiges von abschauen."

Die Mischung aus Jung und Erfahren funktioniert

Dass die zuletzt durchaus löchrige Innenverteidigung mit ihm, Joel da Silva Kiala und Petros Bagkalianis – der am Samstag haarscharf um eine Gelb-Rote Karte herumkam – dauerhaft stabil agiert, muss sie wiederum erst noch beweisen. Gleiches gilt für eine in großen Teilen, der 38-jährige Torhüter Manuel Riemann braucht sich hier nicht angesprochen zu fühlen, noch ziemlich junge Mannschaft: Neben Leonard und da Silva Kiala standen mit Matti Wagner, Georg Ermolaev, Louis Köster und Mehdi Loune insgesamt sechs Spieler im Alter von maximal 23 Jahren in der Startformation, das Durchschnittsalter der fünf Eingewechselten lag sogar nur bei 20,6.

Funktionieren kann dies nur, wenn die wenigen Erfahrenen vorweg gehen – Ersatzkapitän Danilo Wiebe (32) tat dies gegen Rostock mit Überzeugung, Lukas Scepanik (32) mit seinem kuriosen Freistoß-Aufsetzer als bereits 6. Saisontor, schon jetzt ein klarer Karriere-Bestwert für den schlitzohrigen Flügelspieler. Und auch Oldie Riemann, der mit einigen Unsicherheiten gegen Köln und Wiesbaden noch an Gegentoren beteiligt war, erwischten seine bis dato beste Saisonleistung.

Zwei Westschlager geben bald die Richtung vor

In der Tabelle hat sich die Alemannia wieder in die obere Hälfte geschoben. Mehr als Mittelmaß bietet das beliebte 10-Spiele-Fazit aber in keiner Statistik: Vier Siege stehen vier Niederlagen gegenüber, 15 erzielte und 16 kassiere Tore bedeuten den absoluten Durchschnitt. Die Leistungen spiegeln dies wider und laden zum Rätselraten ein: Ist die Selimbegovic-Elf in dieser Saison in der Lage, sich in einen ähnlichen Rausch zu spielen wie in der ersten Jahreshälfte? Oder wartet gar ein kompliziertes Übergangsjahr mit Etappen, in denen die Abstiegsplätze gefährlich nahe rücken?

Klar ist, dass die Alemannia ohne diverse Defensivspieler und weitere latente Verletzungsproblematiken – aktuell fehlt etwa mit Jonas Oehmichen ein potenzieller Unterschiedsspieler im Mittelfeld – noch viel Potenzial nach oben hat. Auch Torjäger Mika Schroers, der zuletzt krankheitsbedingte Pausen einlegen musste, ist derzeit weitab seiner Vorjahres-Form, obgleich der 24-Jährige die Führung von Louis Köster am Samstag sehenswert einleitete. Das Duell mit dem VfB Stuttgart II bietet am kommenden Samstag die Grundlage für zwei heiße Westschlager, die die weitere Richtung vorgeben: Daheim gegen den schwächelnden Absteiger Preußen Münster (1.11.) sowie anschließend bei Aufstiegsfavorit RW Essen (7.11.) kann Aachen seine Muskeln spielen lassen – oder sich eingestehen, dass enorme Leistungsschwankungen in dieser Saison zum Regelfall werden.

   

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