Grotesker Zeitpunkt: Brinkmanns Aus als Panikreaktion
Die Entlassung von Daniel Brinkmann kommt überraschend – und sie wirkt vor allem eines: überstürzt. Vier Tage nach der ersten Saisonniederlage, mitten in einer Englischen Woche und unmittelbar vor dem nächsten Spiel die Reißleine zu ziehen, erscheint schwer nachvollziehbar. Zumal die Bilanz des 40-Jährigen alles andere als die eines gescheiterten Trainers war. Ein Kommentar.
Brinkmann mit starker Bilanz
Natürlich waren die Probleme nicht zu übersehen. Die Defensive präsentierte sich bereits seit Saisonbeginn anfällig, kassierte zwölf Gegentore in fünf Spielen, offenbarte immer wieder dieselben Schwächen. Schon die Rückrunde der vergangenen Saison hatte gezeigt, dass Hansa in der Arbeit gegen den Ball längst nicht die Stabilität eines Aufstiegskandidaten besitzt. Dass Handlungsbedarf bestand, darüber konnte es kaum zwei Meinungen geben. Doch rechtfertigt das eine Trainerentlassung bereits mach der ersten Niederlage? Wohl kaum.
Zumal es sich bei Brinkmann nicht um einen Trainer handelte, der seine Mannschaft über Monate hinweg nicht mehr erreichte oder sportlich völlig in die Sackgasse geführt hatte. Im Gegenteil: Der Ex-Profi verbuchte mit Hansa in 80 Pflichtspielen einen Punkteschnitt von 1,86, etablierte die Rostocker zweimal im oberen Tabellenbereich und verpasste den Aufstieg jeweils nur knapp. Auch der Saisonstart mit acht Punkten aus vier Spielen war alles andere als ein Fehlstart.
Warum nicht die Länderspielpause noch abwarten?
Gerade deshalb wirkt der Zeitpunkt der Freistellung so seltsam. Nach dem Debakel in Köln hätte man die Mannschaft selbstverständlich kritisch hinterfragen müssen. Doch warum nicht zunächst die beiden verbleibenden Partien vor der Länderspielpause abwarten? Warum nicht die ohnehin anstehende Pause nutzen, um gemeinsam Lösungen für die bekannten Defensivprobleme zu erarbeiten? Stattdessen erfolgte der Trainerwechsel nur einen Tag vor dem nächsten Pflichtspiel. Das hat etwas von Aktionismus.
Natürlich kennen die Verantwortlichen intern möglicherweise Entwicklungen, die von außen nicht sichtbar waren. Die öffentliche Begründung, wonach die sportliche Entwicklung nicht mehr den Erwartungen entsprochen habe, wirkt angesichts der Ergebnisse und Tabellenkonstellation jedoch wenig überzeugend. Wer einen Trainer mit einer solchen Bilanz entlässt, muss sich auch selbst hinterfragen.
Schnellschuss statt langfristiger Analyse
So bleibt der Eindruck einer Panikreaktion nach einem erschreckend schwachen Auftritt in Köln. Die Defensivprobleme mussten dringend gelöst werden. Ob dafür aber ausgerechnet die sofortige Trennung von Brinkmann notwendig war, darf bezweifelt werden. Die Entscheidung erscheint weniger wie das Ergebnis einer langfristigen Analyse als vielmehr wie ein Schnellschuss unter dem Eindruck einer krachenden Niederlage – zumal die Defensivprobleme unter den Interimstrainern kaum von heute auf morgen behoben werden dürften. Die Entlassung mag Handlungsfähigkeit demonstrieren. Ob sie die eigentlichen Probleme löst, ist dagegen völlig offen.