Ein Jahr Steffen Baumgart: Eine einzige Erfolgsgeschichte

Auf den Tag genau seit einem Jahr ist Steffen Baumgart nun Trainer des SC Paderborn. Nicht nur der Blick auf die aktuelle Tabelle macht deutlich: Seine Amtszeit ist bisher eine einzige Erfolgsgeschichte. Ein Kommentar.

Ein Märchen

Ostern 2017: Nach einer herben 0:4-Pleite in Aalen trennt sich der SC Paderborn von Stefan Emmerling und stellt noch am selben Tag mit Steffen Baumgart seinen Nachfolger vor. Viele Fans dürften den gebürtigen Rostocker nicht gekannt haben, doch was Baumgart mit dem SCP seitdem erreicht hat, gleicht einem Märchen. Rückblick: Als der 46-Jährige sein Amt antrat, stand Paderborn auf dem vorletzten Tabellenplatz und hatte bereits vier Punkte Rückstand zum rettenden Ufer. Doch unter Baumgart verloren die Ostwestfalen anschließend kein Spiel mehr und hatten den Klassenerhalt vor dem letzten Spieltag in eigener Hand. Zwar stieg der SCP nach einem 0:0 in Osnabrück sportlich ab, profitierte aber vom Chaos bei 1860 München, blieb so in der 3. Liga und steht jetzt unmittelbar vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga – was für eine Geschichte!

Aggressives Pressing und viel Leidenschaft

Innerhalb kürzester Zeit hauchte Baumgart den Blau-Schwarzen neues Leben ein und formte aus verunsicherten Einzelspielern eine echte Einheit. Bezeichnend: Nur fünf Tage nach dem bitteren Abstieg gewann Paderborn den Westfalenpokal, obwohl ein Großteil der Spieler zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass sie keine Zukunft beim SCP haben würden. Dass sie sich dennoch voll reinhauten, war Baumgarts Verdienst. Und mit Beginn der neuen Spielzeit kam dann endgültig das zur Entfaltung, was sich in der Schlussphase der Vorsaison bereits angedeutet hatte: Mit aggressivem Pressing, gepflegtem Kurzpassspiel, starker Physis und ganz viel Leidenschaft überrollte der SCP seine Gegner reihenweise: 5:0 gegen Großaspach, 7:1 gegen Bremen II, 5:0 gegen Lotte, 5:0 gegen Aalen, 6:0 gegen Jena und 5:0 gegen Osnabrück. Selbst die Zweitligisten St. Pauli, Bochum und Ingolstadt kamen im DFB-Pokal mit der überaus offensiven Spielweise der Ostwestfalen nicht klar, sogar gegen den FC Bayern München hielt Paderborn gut mit und wurde nach dem Spiel mit Komplimenten überhäuft.

Was Baumgart auszeichnet

Am besten lässt sich Baumgarts Handschrift bei komfortablen Führungen erkennen: Während andere Mannschaften bei einem 3:0 nach 50 Minuten zwei Gänge zurückschalten würden, treibt der 46-Jährige seine Jungs immer wieder nach vorne – und ist selbst mit vollem Einsatz dabei. Meist außerhalb der Coaching-Zone. Baumgart gibt sich nie zufrieden und will immer das absolute Maximum. Auch wenn das Spiel kurz vor Ende längst zugunsten des SCP entschieden ist, steht Baumgart mit ernster Miene am Spielfeldrand und brüllt Anweisungen auf den Platz. Wie am Samstag in Osnabrück, als er in der 85. Minute beim Stand von 4:0 gut hörbar über die TV-Außenmikrofone schrie: "Massih, mach das Ding." Und Massih Wassey hörte auf seinen Trainer und verwandelte einen Freistoß aus rund 25 Metern direkt. Was Baumgart ebenfalls auszeichnet: In Euphorie verfällt er grundsätzlich nie, selbst nach den letzten Kantersiegen analysierte der SCP-Coach das Spiel anschließend nüchtern und sachlich ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen – ohnehin entweicht ihm nur selten ein Lächeln. Auf seine Lieblingsfloskeln "Wir nehmen die Punkte gerne mit" und "Von der Warte her" verzichtet Baumgart selten, Komplimente hört er dagegen äußert ungern – vor allem nach Niederlagen. Ein Mann der großen Worte ist Baumgart zweifelsohne nicht – und doch findet er sie. Auf dem Platz, in der Kabine und im Training.

123 Tore und 35 Siege

Die beeindruckende Bilanz: In den 50 Pflichtspielen unter Baumgart schoss der SCP 123 (!) Tore – darunter 80 in der laufenden Drittliga-Saison. Allein in den letzten drei Spielen erzielte Paderborn gegen Aalen, Jena und Osnabrück 16 Tore – das gab es in der Drittliga-Historie noch nie. Ohnehin fehlen dem SCP nur noch zwei Treffer, um einen neuen Tor-Rekord in der Geschichte der 3. Liga aufzustellen. Insgesamt gewannen die Blau-Schwarzen unter Baumgart 35 Spiele, gerade einmal sechs Partien gingen verloren. Die erste Niederlage kassierte der 46-Jährige fast ein halbes Jahr nach Amtsantritt. Es sind wahrlich phänomenale Zahlen, die Steffen Baumgart mit dem SC Paderborn vorweisen kann. Der Ex-Profi, der bis 2020 unter Vertrag steht, ist für den Sportklub ohne Frage ein echter Glücksgriff. Und dass der Weg nun – nur ein Jahr nach dem sportlichen Abstieg in die Regionalliga – in die 2. Bundesliga führen wird, ist nicht nur ein Märchen, sondern vor allem die logische Konsequenz. Denn selten spielte ein Drittligist derart überzeugend wie der SCP unter Steffen Baumgart.

   

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