Hinter den eigenen Ansprüchen: Ist Hansa so aufstiegstauglich?
0:2 gegen Meppen, 0:2 in Aachen: Auf den ersten Erfolg von Neu-Trainer Andre Breitenreiter ist bei Hansa Rostock neuerliche Ernüchterung eingezogen. Längst wird nicht mehr nur über fehlende Form des Kollektivs diskutiert, sondern ob der zusammengestellte Kader tatsächlich aufstiegstauglich ist. Eine Analyse.
Den Ansprüchen derzeit nicht gewachsen
Drei Punkte befindet sich Hansa Rostock nach dem 10. Spieltag hinter der Aufstiegsrelegation. Von einem abgefahrenen Zug zu sprechen, wäre deutlich verfrüht. Und doch weiß auch über das Ostsee-Umfeld hinaus jeder, der die 3. Liga kennt: Nach zwei Niederlagen ohne eigenen Torerfolg, nach "nur" 15 erreichten Punkten und einem bereits ziemlich frühen Trainerwechsel treibt die Nervosität neue Blüten. Hansa wirkt den eigenen Ansprüchen, die unmissverständlich eine Rückkehr in die 2. Bundesliga vorsehen, derzeit nicht gewachsen. Und das aus ganz verschiedenen Gründen.
Schon die nackten Zahlen lassen wenig Spielraum zur Interpretation: 19 Bälle holte Torhüter Luca Unbehaun in 900 Saisonminuten aus dem Netz. Mehr kassierten bis dato lediglich der strauchelnde Absteiger aus Münster (21) sowie der TSV Havelse (23) – das Tabellenschlusslicht. Nun performt die Kogge womöglich nicht so schlecht, wie es die reinen Daten belegen: Bei der erwarteten Anzahl an Gegentoren liegt der FCH etwa mit einem Wert von 1,42 pro 90 Minuten im Mittelfeld.
Probleme in der Abwehr und den Außen
Doch selbst das verfehlt die Erwartungen an einem Standort, der sich seit vielen Jahren eher über gesunde Defensivarbeit denn über hochriskanten Powerfußball definiert. Überrascht dies die Verantwortlichen um Sportchef Amir Shapourzadeh? Immerhin läuft mit Ahmet Gürleyen, Florian Carstens und Lukas Wallner der gleiche Bestand an Innenverteidigern wie im Vorjahr auf – und der kassierte in der Rückrunde 2025/26 bereits satte 30 Gegentreffer, was letztlich die Punkte zum Aufstieg gekostet hatte.
Auch auf den Außenbahnen ist Hansa nicht besetzt wie eine Spitzenmannschaft. Die größten Sorgen bereitet aber Torhüter Unbehaun: Er kann den nach Braunschweig abgewanderten Benjamin Uphoff, der selbst nie ganz unumstritten war, derzeit nicht ersetzen, sah nicht nur in Aachen bei beiden Gegentoren unglücklich aus. Gut möglich, dass die Personaldiskussion zwischen den Pfosten demnächst sogar zu einem Tausch führt.
Ausbaufähige Chancenverwertung
Eigentlich hat Hansa eine exzellente Basis: In Spitze und Breite ist man gut genug besetzt, um in eigentlich jedem Spiel druckvolle Phasen zu kreieren. 17 erzielte Tore sind ein passabler, aber von der Ligaspitze weit entfernter Wert, weil es an der Verwertung mangelt. Nur 7,9 Prozent aller Torabschlüsse landen im Netz, ergo dürfen die Hansa-Fans nur bei jedem 13. Abschluss jubeln – Platz 12 im Drittliga-Vergleich. Dabei zählt Effizienz zu den Schlüsselfaktoren der derzeitigen Top-Aufstiegsanwärter: Viktoria Köln und der MSV Duisburg kommen mit weniger Abschlüssen auf jeweils 27 Treffer, weil sie auf Quoten von jenseits der 13-Prozent-Marke kommen.
Es ist ein Manko, dass nicht allein Rostock betrifft: Die Konkurrenz aus Essen (6,5%) oder Düsseldorf (5,2%) schneidet etwa noch deutlich schlechter ab. Allein fehlt derzeit in vorderster Front der personelle Hoffnungsträger: Emil Holten kommt gerade erst aus einer langen Verletzungspause und konnte seine Vollstrecker-Qualität der Vorsaison in den ersten drei Einsätzen noch nicht andeuten. Andreas Voglsammer startete mit drei Saisontoren in zwei Punktspielen zwar exzellent, seitdem ist beim 34-Jährigen aber Ladehemmung. Talent Peter Kiedl ist noch gar kein Faktor, die Personalie David Hummel derzeit nur noch auf dem Papier existent.
Neuzugänge steigern das Niveau nicht
Eigentlich hatte Hansa Rostock vor dieser Saison optimale Voraussetzungen, die Kaderqualität entscheidend anzuheben: Nach dem Abgang von Ryan Naderi im vergangenen Winter ließ die Kogge nur Torwart Uphoff und den laufstarken Außenbahnspieler Viktor Bergh unter den dauerhaften Stammspielern ziehen, und dies in beiden Fällen sogar freiwillig. Für Spieler wie Adrien Lebeau, Nico Neidhart oder Jan Mejdr suchte Shapourzadeh Upgrades – doch hat er sie gefunden?
Eher nicht, wie der Sportdirektor sogar selbst zugibt. "Von dem einen oder anderen haben wir uns sicherlich bis dato mehr erhofft", wird er in der "Bild" zitiert, ohne genaue Namen zu nennen. Denkbar ist aber, dass es nicht nur um den bislang wackligen Torhüter Unbehaun geht, sondern auch um Spielmacher David Kopacz: Der traf im Dress des VfL Osnabrück im August noch auf Zweitliga-Niveau in Heidenheim, nach der Luftveränderung Richtung Warnow blieb er in acht Einsätzen ohne Durchschlagskraft und Scorerpunkt.
Florian Bohnert und Niklas Kölle bedecken die Defensivseiten derweil solide, ohne zu glänzen. Der bemühte Ouassim Karada ist ebenso wie Yannick Michaelis und Bernie Lennemann noch mitten im Gewöhnungsprozess ans hohe Drittliga-Niveau. Einzig Leon Dajaku schlug direkt ein, verlor seine Bestform aber direkt wieder und wurde zuletzt zweimal schon zur Pause ausgewechselt.
Was macht Hoffnung?
Hansa Rostock benötigte schon im Vorjahr Zeit, sich zu finden, stand damals zum gleichen Zeitpunkt noch vier Punkte schlechter da – damals primär aufgrund großer Offensivprobleme. Die gibt es dieses Mal nicht, auch wirkt der FCH dank seiner Zentrumsspieler Kenan Fatkic und Marco Schuster in den Dreh- und Angelpunkten gefestigt. Offenkundig muss die Kogge weniger über Einzelspieler als über das Kollektiv den Turnaround ansteuern. Ob das ebenfalls kriselnde Fortuna Düsseldorf (Samstag, 14 Uhr) dafür der passende Gegner ist? Beide Topfavoriten wirken verwundbar, der Druck ist allgegenwärtig: Setzt sich Hansas Heimschwäche (nur ein Sieg aus vier Spielen) fort, wird die Stimmung weiter kippen.
Shapourzadeh wirbt in der "Ostsee-Zeitung" aber um Ruhe: "Wir haben ambitionierte Ziele, aber die haben sieben oder acht andere Mannschaften auch. Es gibt keine Mannschaft, die dominiert und vornweg marschiert." Zwar sei die Euphorie derzeit weg, "aber es sind noch 28 Spiele. Wir werden nichts abschenken", so Rostocks Sportchef. Jetzt ist die Mannschaft in der Pflicht, zu liefern.