Seitz debütiert: Wiesbadens Aufholjagd startet mit Rätselraten
Grund zum Feiern hat Jochen Seitz am Sonntag so oder so: Er wird 50 Jahre alt. Doch die Korken knallen können erst, wenn der neue SVWW-Coach beim Debüt in Ingolstadt gemeinsam mit dem Vorletzten ein positives Zeichen setzt. Erwartet wird eine große Aufholjagd – doch ist die Mannschaft dazu in der Lage?
Problemzonen vom Spielaufbau bis zur defensiven Abstimmung
Alltäglicher könnte ein Debüttermin kaum sein als jener, den Jochen Seitz am frühen Sonntagnachmittag (13.30 Uhr) als Trainer des SV Wehen Wiesbaden vor sich hat. Ein Gastspiel beim FC Ingolstadt gehört zum Standardrepertoire, vielleicht drei- bis viertausend Besucher werden sich in den weitestgehend verlassenen Audi-Sportpark verirren und damit eine Atmosphäre kreieren, wie sie die Wiesbadener aus eigenen Heimspielen kennen. Im direkten Krisengipfel wird Seitz mit Achim Beierlorzer auch auf der Gegenseite auf einen Neuling treffen.
Beide Klubs laufen ihren Erwartungen weit hinterher, beide müssen gewinnen – Wiesbaden als Tabellenvorletzter noch ein bisschen mehr. Eine gelebte Fanfreundschaft mischt in dieser sportlich brisanten rot-schwarzen Konstellation schließlich auch noch mit. Und Jochen Seitz feiert am 11. Oktober seinen 50. Geburtstag. Geschichten schreibt dieses vermeintlich unspektakuläre Duell also wohl einige, unabhängig vom Ausgang. Nun war die erstmalig auf drei Wochen ausgedehnte Länderspielphase ein Glücksfall für Seitz, durfte er diese doch als persönliche Vorbereitung betrachten.
Die Probleme sind offensichtlich, vereint der SV Wehen Wiesbaden derzeit doch unter anderem die wenigsten erzielten Tore, das schwächste Torverhältnis und eine grausige Heimbilanz. Schon bei seiner Vorstellung ergänzte Seitz ziemlich direkt die Ursachen dafür – zu viele ertraglose Querpässe, kein orchestriertes Abwehrverhalten sowie ein schlecht abgestimmtes Pressing benannte der langjährige Bundesliga-Profi. An der Qualität im Team hegt er dabei keine Zweifel. "Wir brauchen Struktur und einen ordentlichen Matchplan", kündigte er an. Zentrale Elemente dessen sollen "hohe Intensität" und eine "gewisse Zweikampfhärte" sein.
Großes Rätselraten um System, Taktik und Personal
Dies wurde im Training augenscheinlich penibel umgesetzt, was allerdings zu neuen Problem führte: Mit dem langfristigen Ausfall von David Suarez sowie dem angeschlagenen Simon Stehle beklagte der SVWW prompt zwei Ausfälle. "Man hat schon gemerkt, dass die Jungs richtig heiß waren. Der eine oder andere hat dann vielleicht auch mal überzogen", wird Seitz im "HR" zitiert. Der geplante Härtetest gegen die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt wurde in der Folge verworfen – primär um die verbliebenen Kräfte zu schonen. Das folgende Testspiel gegen den Karlsruher SC fand statt, die 1:2-Niederlage gegen den Zweitligisten lieferte aber hinter verschlossenen Türen keine Erkenntnisse für die Allgemeinheit.
Heißt: Die Zeit des Rätselratens ist gekommen. Kaum ein Spieler präsentierte sich zuletzt als unersetzlich, auch Leistungsträger wie Moritz Flotho, Justin Janitzek und Torhüter Florian Stritzel unterliefen starke Formschwankungen. Unterschiedsspieler werden händeringend gesucht – Seitz wird nun zeigen, ob der Kader wirklich so stark ist, wie er intern eingeschätzt wird. Kommt in einer instabilen Phase die Zeit der Älteren, kann Seitz mit Florian Hübner (33) und dem spät verpflichteten Michael Schultz (33) auf eine stabile Achse in der Innenverteidigung zurückgreifen. Auch der bis dato sporadisch eingesetzte Gino Fechner (29) steht für Verlässlichkeit.
Umgekehrt hoffen die großen Talente Ben Nink, Tim Neubert und Ibrahim Ati Allah, weitere Entwicklungsschritte gehen zu dürfen. Offen ist auch, von welchem System sich Seitz mehr Erfolg verspricht: In Wiesbaden griffen diverse Trainer der vergangenen Jahre immer wieder auf die Dreierkette zurück, die aber im Kalenderjahr 2026 kein Stabilitätsfaktor mehr war. Gut möglich, dass Seitz zunächst auf die von ihm historisch bevorzugte Lösung mit vier Verteidigern setzt.
Schafft es der SVWW zurück zur Kontinuität?
In der Personalie Seitz geht es derweil um viel mehr als um den bloßen kurzfristigen Erfolg, sondern für den Verein um die Rückkehr zu Kontinuität. Die historische Tendenz ist dabei eine fette Warnung gleich zum Amtsantritt, denn seit der Ära Rüdiger Rehm verkürzten sich die Halbwertszeiten der SVWW-Cheftrainer beträchtlich: Hielt es Rehm noch rund 1.700 Tage und damit fast fünf Jahre bis zu seinem Ausscheiden im Herbst 2021, wurden die Amtsperioden seiner Nachfolger Markus Kauczinski (ca. 900 Tage), Nils Döring (500 Tage) und schließlich Daniel Scherning (300 Tage) immer kürzer.
Ein "Hire & fire"-Klub ist Wehen Wiesbaden damit sicherlich noch nicht – doch nachdem Kauczinski, Döring und Scherning auch sportlich viel Schonkost anboten, käme ein Visionär mit attraktiver Spielidee gerade recht. Sportchef Uwe Stöver, der selbst im Umfeld des Klubs allmählich Erfolge vorweisen muss, hatte das Aufstiegsziel schon im Frühjahr bekräftigt – eine Korrektur gab es bis dato nicht, auch wenn bis zur Winterpause kleine Brötchen gebacken werden: Der Anschluss ans Mittelfeld der Tabelle ist, was zunächst zählt. Aktuell liegt es fünf bis sechs Zähler entfernt.
Auch die Zuschauerzahlen würden davon profitieren: Zwar begrüßte der SVWW an den ersten vier Spieltagen fast 5.000 Besucher pro Partie, doch die attraktiven Gegner aus Münster, Essen, Mannheim und Duisburg brachten samt und sonders eine ordentlich vierstellige Kulisse mit. Auch weil die Wiesbadener an einem traditionell schwierigen Standort nur ein Pünktchen aus diesen Heim-Auftritten holten, gilt es demnächst gegen Kontrahenten wie Großaspach, Havelse und Stuttgart II Überzeugungsarbeit zu leisten. Ob die Supporterszene, die jüngst die Spiele boykottierte, künftig wieder aktiv in Erscheinung tritt, ist ebenfalls offen. Dabei wäre jede Unterstützung in Ingolstadt wichtig – ein Spiel mit Potenzial, Aufbruchsstimmung zu entfachen oder im Keim zu ersticken.