Aufholjagd? Aue und Ulm müssten Historisches schaffen
Nichts anderes als ein kleines Fußballwunder wird Erzgebirge Aue und den SSV Ulm jetzt noch vor dem Absturz in die Regionalliga bewahren – ganz zu schweigen von den chancenlosen Aufsteigern Havelse und Schweinfurt. Gab es solche Wunder in der Drittliga-Historie schon? Ja! Und doch gibt es wenige Gründe, an eine Wiederholung zu denken.
Eine prekäre Lage
Wir schreiben den 20. März 2021, einer der vielen trüben Tage inmitten der Corona-Pandemie. Der 1. FC Magdeburg empfängt den 1. FC Kaiserslautern – einer Partie, die fünf Jahre darauf wie selbstverständlich ausverkauft ist, darf kein einziger Zuschauer beiwohnen. Baris Atik schießt den FCM zum knappen 1:0-Erfolg, und während damit die Aufholjagd der Ostdeutschen unter Christian Titz Formen annimmt, rutscht ein trainerloses Lautern sieben Punkte hinter das rettende Ufer. Vieles deutet daraufhin, dass die Kultstätte Betzenberg bald ein Regionalliga-Stadion sein wird. Doch nicht mit Marco Antwerpen, der nach Amtsantritt von zehn Partien nur eine verlieren wird und dabei 17 Zähler holt – Lautern rettet sich mit 43 Punkten.
Aufholjagden wie diese benötigen allen voran Erzgebirge Aue und der SSV Ulm im Frühling 2026. Die Lage ist dabei noch prekärer: Beide liegen acht Punkte hinter Platz 16 und müssen definitiv noch einen Zähler mehr gegenüber dem 1. FC Saarbrücken aufholen, da ihr Torverhältnis wohl irreparabel schwächer ausfällt. Der FCS zeigte sich noch dazu trotz des 2:4 in Duisburg zuletzt stark verbessert, ist mit mehr individueller Qualität ausgestattet und wirkt unter Coach Argirios Giannikis mindestens mal vorübergehend neu belebt. Das restliche hintere Mittelfeld ist noch weiter enteilt – einzig die in 2026 schwächelnden Zweitvertretungen aus Stuttgart und Hoffenheim wirken dabei verwundbar. Doch ihr Vorsprung von jeweils elf Punkten ist gigantisch.
Acht Punkte aufholen? Es ist möglich
Dabei ist es grundsätzlich möglich, solche Rückstände noch zu egalisieren. Doch auch in solch kurzer Zeit? Eintracht Braunschweig fiel im Winter 2018 als direkter Zweitliga-Absteiger enorm tief: Nichts funktionierte, Trainer Hendrik Pedersen war ein glatter Fehlgriff und auch unter Nachfolger Andre Schubert lief es zunächst kaum besser. Doch trotz nur eines Siegs aus den ersten 18 Partien und neun Zählern Abstand zum 16. Platz schaffte der BTSV den Klassenerhalt in einem Herzschlagfinale: Das 1:1 gegen die punktgleichen Cottbuser, die nur wegen der um einen Treffer schlechteren Tordifferenz direkt wieder in die Regionalliga gereicht wurden, ist noch heute als einer der größten Nervenkrimis der Drittliga-Geschichte präsent.
Doch Braunschweig hatte 20 Spiele Zeit für diese Wende, holte währenddessen 35 Punkte – ergo 1,75 pro Partie. Für Ulm und Aue wäre selbst diese Ausbeute wohl schon zu wenig, schließlich waren seit Gründung der 3. Liga im Schnitt 42 Zähler notwendig, um am Ende mindestens auf Platz 16 zu landen. Beide Klubs bräuchten somit 18 Punkte aus zehn Spielen, also zum Beispiel fünf Siege und drei Unentschieden. Dazu hatte die Eintracht finanzielle Mittel für sieben (!) teils hochkarätigen Wintertransfers von Jasmin Fejzic über Marcel Bär bis hin zu Bernd Nehrig freigemacht. Zum Vergleich: Im Erzgebirge holte man im Januar genau einen Stürmer, und dieser – der noch torlose Vincent Ocansey – hat die meisten Spiele seiner Karriere viert- und fünftklassig absolviert.
Ein Verein schaffte es in noch weniger Spielen
Doch im gleichen Jahr 2019 gab es ja noch ein weiteres Comeback. Eines, das in vielerlei Hinsicht als Mutmacher in größter Verzweiflung taugt und doch so sensationell war, dass es als Jahrhundertereignis durchgehen dürfte. Acht Punkte sowie ein ganz schwaches Torverhältnis musste im gleichen Jahr nämlich auch Carl Zeiss Jena aufholen – und das nach 31 (!) Spieltagen. Doch die klammen Thüringer, die nach starkem Saisonstart völlig den Faden verloren hatten, fanden ihn in größerer Not wieder und legten im Endspurt unter einem gewissen Lukas Kwasniok an der Seitenlinie eine 18-Punkte-Serie hin.
Das führte Jena am vorletzten Spieltag erstmals über den Strich, und nach dem 4:0-Kantersieg über 1860 München jubelte das Ernst-Abbe-Sportfeld, als wäre eine Meisterschaft errungen worden. Am Ende beendete der FCC die Saison als 14. und war im Endspurt somit an fünf Klubs vorbeigezogen. Ein schönes Vorbild für die heutigen Kellerkinder. Allerdings nur bis zum Saisonende: In der Folgesaison erwischte es Jena bekanntlich doch, mit 23 Pünktchen sogar als einer der schwächsten Drittligisten jemals.
Wie 2016 zeigte, dass sich niemand zu sicher fühlen darf
Zu früh aufzugeben, sollte dabei für die Kellerkinder ebenso keine Option sein wie für das Mittelfeld, sich vorzeitig zu sicher zu fühlen. Denn immer mal wieder gibt es erinnerungswürdige Gegenbeispiele. Besonders schmerzhaft werden sich Anhänger der Stuttgarter Kickers an den Mai 2016 erinnern, als die Schwaben mit sechs Punkten Vorsprung in den 37. Spieltag gingen und binnen 180 Minuten noch in die 4. Liga stürzten, während die Reserve des SV Werder Bremen ein Mega-Comeback feierte.
Klar ist aber auch: Noch nie war die Grenze zwischen hinterem Mittelfeld und Abstiegszone so klar umrissen wie in der Saison 2025/26, noch nie schien zu einem so frühen Zeitpunkt klar, welche Mannschaften weit unterhalb des Drittliga-Durchschnitts agieren. Auch mit Blick auf die Formkurve, das weitestgehend zerstörte Verhältnis zum enttäuschten Anhang sowie ausbleibende "Trainer-Effekte" in Aue als auch Ulm gibt es schlicht wenig Anhaltspunkte, dass das Jahr 2026 noch viele kuriose Wendungen im Abstiegskampf in petto haben wird. Zumal in der Historie der 3. Liga noch nie ein Klub den Klassenerhalt geschafft hat, der nach 28 Spieltagen nur 24 Punkte auf dem Konto hatte. Aue und Ulm müssten somit Historisches schaffen.