Jung: "Anderswo hätten wohl die normalen Mechanismen gegriffen"

Aus der Serie "Forever Young"… Seine prall gefüllte Krankenakte führte zu vielen Anpassungen und neuen Routinen, aber keinerlei Zweifeln an der Fortsetzung der Karriere. Im Interview mit liga3-online.de spricht Gideon Jung von Alemannia Aachen reflektiert über eine kuriose Serie, seine Social-Media-Abstinenz und den Vertrauensvorschuss bei der Vertragsverlängerung.

"Ich denke, mir fehlen immer noch einige Körner"

liga3-online.de: Eine Länderspielpause über drei Wochen ist auch für Sie Neuland. Lag der Fokus mehr auf Quality Time mit der Familie oder können Sie gar nicht länger als 24 Stunden abschalten, ohne an Fußball zu denken, Gideon Jung?

Gideon Jung: Wenn du viele Jahre Profi bist, spielt sich das automatisch im Unterbewusstsein ab. Abseits der individuellen Trainingspläne habe ich die Chance genutzt, mal länger bei meiner Familie in Düsseldorf zu bleiben, Freunde zu treffen und in den Tag hineinzuleben. Und dann gelingt es in der Gruppe auch ganz gut, andere Gesprächsthemen als Fußball zu finden.

Die Screen-Time auf dem Handy scheint damit im Einklang zu stehen. Warum haben Sie Ihren Instagram-Account deaktiviert?

Eine bewusste Entscheidung, die ich vor einiger Zeit getroffen habe. Ich schaue mir gerne mal Trainings- und Fitnessclips oder auch Kochrezepte an, aber konstant eigenen Content posten? Irgendwie hat mich das nie erfüllt. Je nachdem, wo und wie du spielst, bleiben dann auch Hater-Kommentare nicht aus. Am Ende kannst du dich nur bedingt schützen, aber zumindest eigene Grenzen ziehen.

Stehen Sie – und sei es manchmal nur für ein paar Minuten – auf dem Rasen, hält sich eine mitunter kuriose Serie. Wissen Sie, worauf wir hier anspielen?

Ich habe da so eine leise Ahnung (überlegt).

Gemeint ist Ihre persönliche Bilanz mit sechs Siegen und vier Remis seit dem Wechsel zur Alemannia im Februar!

Puh, dann scheint die Statistik doch positiver, als ich angenommen hatte (lächelt). Da waren natürlich einige Kurzeinsätze dabei, bei denen die Jungs die Vorarbeit geleistet haben. Gerne hätte ich aktiv mehr dazu beigetragen. Auf der anderen Seite versuche ich in den letzten Jahren vor allem eines zu beherzigen: meinen Stellenwert für das Team und meinen Einfluss auf das Spiel immer wieder zu reflektieren.

Das Verletzungspech verfolgt Sie auf Schritt und Tritt. Fühlen Sie sich nach zuletzt drei Startelf-Einsätzen an den letzten vier Spieltagen wieder näher an den 100 Prozent?

Ich denke, mir fehlen immer noch einige Körner, wobei dieses 100-Prozent-Level vermutlich jeder etwas anders definiert. Bin ich dann auf diesem Level, wenn ich über 90 Minuten zwölf Kilometer abspule, aber mich körperlich nach dem Schlusspfiff einfach fix und fertig fühle? Geht es – mit Blick auf meine Position – eher um Zweikampf- und Passquoten? Ich war immer ein recht selbstkritischer Spieler, der sein Mindset dahingehend angepasst hat, mehr positive Einflüsse zu sehen und dabei ein Spiel über 90 Minuten in Phasen zu bewerten.

 

Süper Lig? "Schon eine attraktive Adresse"

Um den Bogen zurückzuschlagen: Die letzte Niederlage, bei der Sie aktiv auf dem Platz standen, ereignete sich während Ihrer Station im Ausland (Kayserispor). Haben Sie dort ähnliche Negativ-Erfahrungen gemacht wie die meisten deutschen Profis?

Quasi eine bunte Mischung aus dem, was du vorher so über die Strukturen bei türkischen Klubs hörst, und positiven Aspekten hinsichtlich der sportlichen Qualität. Da herrscht womöglich auch ein verzerrtes Bild, aber ich muss klar sagen: Die Süper Lig ist schon eine attraktive Adresse, wenn du hierzulande wenig Perspektive in Richtung Bundesliga siehst. Auch hier hatte ich verletzungstechnisch weniger Einsätze, aber jedes Duell mit Spielern genossen, die du sonst eher unter der Woche in den europäischen Wettbewerben siehst.

Ein Karriereende mit Anfang 30 schlossen Sie mehrmals aus. Haben Sie im Zuge diverser Verletzungen und Rückschläge eventuell Routinen im Alltag verändert?

Ja, durchaus. Ich probiere häufig neue Trainingsmethoden aus, versuche noch besser auf meinen Körper zu hören und meine Routinen entsprechend anzupassen.

Der Anschlussvertrag, den Sie nach einer Handvoll Einsätzen in der Rückrunde 2025/26 erhalten haben, wirkt wie ein Vertrauensvorschuss von Rachid Azzouzi, den Sie schon seit gemeinsamen Zeiten bei der SpVgg Greuther Fürth kennen!

Auf beiden Seiten war die Kommunikation, wie es nach der Saison 2025/26 weitergehen könnte, stets von einer großen Offenheit geprägt. Nach der Sommerpause blieb ich weiterhin Teil des Teams und bin ins Trainingslager gefahren, um zu schauen, wie sich meine körperliche Verfassung entwickelt und ob ich wieder Anschluss an das Team finden kann. Dafür bin ich der Alemannia dankbar. Anderswo hätten wohl die normalen Mechanismen gegriffen und das Kapitel enden lassen.

Was treibt Sie generell noch an? Bundesliga am Fürther Ronhof, dazu sieben Jahre im HSV-Trikot sowie eine Station im Ausland klingen wie eine erfüllte Karriere …

Rückblickend fällt in die HSV-Zeit leider auch der historische Abstieg 2017/18. Danach gab es drei Anläufe zum Wiederaufstieg, dreimal sind wir gescheitert, mehr oder weniger an uns selbst. Eigentlich wollte ich den Klub ohne die Bundesliga-Rückkehr als Wiedergutmachung nicht verlassen. Aber gut: Der Antrieb geht von mir selbst aus. Vielleicht auch aus den Verletzungen und Operationen. Gerade in den letzten Jahren gab es nie eine 100-prozentige Gewissheit, dass auch das nächste Comeback gelingt.

Die kurzfristige Zukunft nach der Länderspielpause heißt: Topspiel! Mit Viktoria Köln wartet ein Gegner, der mit einem offensiven, teils auch wilden Ansatz begeistert. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Ich bin noch nicht so lange in der 3. Liga. Aber: Dieses Selbstverständnis, mit dem Viktoria Köln derzeit durch die Liga geht, und das, was sich das Team fußballerisch zutraut, ist schon nicht ohne. Wir hatten ja durch die Pause viel Zeit, uns darauf einzustellen, möchten aber auch unserer eigenen Linie und Stärken treu bleiben.

   

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