Preußen gegen Essen: Das waren die heißesten Duelle
Vor rund 14.000 Zuschauern eröffnen Preußen Münster und Rot-Weiss Essen am Freitag den Spieltag im ausverkauften Preußenstadion – die Favoritenrolle dürfte an die Gäste aus dem Ruhrgebiet gehen. Doch Leistung und Form zählen in diesem traditionell hitzigen Duell nicht allein: liga3-online.de blickt auf fünf erinnerungswürdige Duelle dieses Jahrtausends zwischen zwei Klubs und Fanlagern, die einander trotz fehlenden Derby-Status nicht abkönnen.
Mai 2002: Geplatzte Aufstiegsträume und schwere Ausschreitungen
Auch wenn das Duell bereits fast 25 Jahre zurückliegt, so hat es für alle Zeitzeugen noch einen speziellen Platz im Gedächtnis: Am 34. Spieltag der Regionalliga Nord benötigt RWE in Münster einen eigenen Erfolg sowie Schützenhilfe von Wattenscheid 09, um noch an Eintracht Braunschweig vorbeiziehen zu können. Die Mission Auswärtssieg klappt mit einem 3:1-Erfolg nach Pausenrückstand, was die Mehrzahl der 10.200 Zuschauer im Preußenstadion euphorisch aufnimmt – weite Teile des Stadions sind in rot-weißer Hand.
Doch tief in der Nachspielzeit trifft Braunschweig zum Sieg, und als die Nachricht die Runde macht, wandelt sich die Freude in blanke Zerstörungswut: Hunderte Essener stürmen das Spielfeld, zerlegen Torpfosten, Werbebanden und Tribünenreihen. Auch Busse und Autos werden demoliert. Sportlich verbleiben SCP und RWE in der Regionalliga, wo sie sich auch zwischen 2002 und 2006 immer mal wieder begegnen. Essen gewinnt jedes einzelne dieser Spiele und schafft so eine beeindruckende Serie von sieben Erfolgen gegen die Preußen, ehe sich 2006 durch den Münsteraner Abstieg in die viertklassige Oberliga Westfalen die Wege trennen.
April 2009: Münster demontiert RWE im eigenen Stadion
Im Nachhinein lässt sich durchaus als illustre Runde bezeichnen, wer sich da am 19. April 2009 im damaligen Georg-Melches-Stadion gegenübersteht: Sascha Mölders und Mike Wunderlich etwa auf der einen Seite, für Münster laufen mit Jens Wissing und Guerino Capretti mehrere heutige Trainer auf – und an der Seitenlinie steht mit Roger Schmidt nochmal deutlich mehr Prominenz.
Auf dem Platz wird der Nachmittag zu einer Schmach für Rot-Weiss Essen, das 2008 die Qualifikation für die eingleisige 3. Liga verpasst hatte und nach dem Absturz in die Viertklassigkeit spürbar mit der Favoritenrolle fremdelt. Am Ende fehlen 19 Punkte zu Aufsteiger Borussia Dortmund II – Preußen Münster landet in der Tabelle zwar vor dem Rivalen, doch ebenso weit entfernt vom Aufstieg.
Oktober 2009/April 2010: Gefühlte und echte Preußen-Erfolge
Waren die Anfangsjahre der 2000er Festspiele für RWE, so kehrt sich dies zum Ende des Jahrzehnts plötzlich um: Nach der Demontage in der Rückrunde 2008/09 gibt es zwei weitere besondere Spiele aus Sicht der Adlerträger. Zunächst deutet an der Hafenstraße vor rund 10.000 Zuschauern alles auf einen knappen 1:0-Sieg der Hausherren hin, ehe sich mit der letzten Aktion des Spiels Torhüter David Buchholz auf den weiten Weg in den gegnerischen Strafraum macht und im Anschluss an einen Eckball per Fallrückzieher den Ausgleich von Wojciech Pollok vorbereitet.
Gut zweitausend Münsteraner jubeln frenetisch. Im Rückspiel gibt es dann eine erneute Abreibung, erneut siegen die Preußen deutlich mit 4:0 – an jenem 29. Spieltag ist die Saison für beide aber längst gelaufen. Am Ende wird Essen Vierter und Münster Fünfter, beiden fehlen fast 20 Punkte zu Meister Saarbrücken.
September 2021: Spektakuläre Essener Aufholjagd
Das Duell in der Hinrunde der Regionalliga-Saison 2021/22 ist ein besonderes. Zwar gab es die Begegnung nach einem Jahrzehnt Pause schon eine Spielzeit zuvor, die jeweiligen 1:0-Siege der Heimmannschaft konnten pandemie-bedingt aber keine Zuschauer vor Ort sehen. An jenem Tag ist dies anders: 7.500 Zuschauer, darunter 800 Gäste, sind erlaubt, die Fans unterstützen lautstark.
Und sehen zwei völlig verschiedene Halbzeiten: Erst führt Preußen Münster dank eines Doppelpacks von Thorben Deters mit 2:0, dann dreht RWE dank Toren von Kevin Holzweiler, Isaiah Young und Simon Engelmann das Spiel noch komplett – und dies nach einer ganz starken zweiten Halbzeit auch verdient. Negativschlagzeilen produzieren 200 Problemfans der Gäste, die weit nach Abpfiff Tore zu den Heimblöcken durchbrechen und Konfrontationen suchen. Unter anderem wird ein älterer Mann verletzt, der eine Treppe hinuntergestoßen wird.
Februar 2022: …und wieder knallt es
Und zwar wortwörtlich. Denn im Stadion an der Hafenstraße explodiert etwa 15 Minuten vor Schluss beim Stand von 1:1, ziemlich unmittelbar nach dem Münsteraner Ausgleich, ein Knallkörper nahe der sich aufwärmenden Ersatzspieler des Sportclubs. Zwei Spieler, der Athletiktrainer sowie ein Balljunge werden verletzt, ein 29-Jähriger im Nachhinein festgenommen. Da der Böller aus den Reihen der Westkurve – der Heimat der RWE-Fans – Richtung Spielfeld flog und Schiedsrichter Sascha Stegemann die Partie nicht wieder anpfiff, wird das Ergebnis einige Wochen später mit 2:0 für die Preußen gewertet.
Ein schwerer Schlag für Essen, das die Münsteraner so in einem erbitterten Zweikampf um den Wiederaufstieg in die 3. Liga wieder ins Rennen brachte. Das Kopf-an-Kopf-Rennen endet aber gut für RWE: Dank des besseren Torverhältnisses kehrt Essen im Sommer 2022 in den Profifußball zurück, Preußen Münster folgt ein Jahr später.