Voet im Interview: "Habe noch nie so viele Tore geschossen"
Siemen Voet vom 1. FC Saarbrücken ist mit schon vier Saisontreffern der torgefährlichste Verteidiger der 3. Liga – und gleichzeitig bester Torschütze im Team. Im Interview mit liga3-online.de spricht der Belgier über seine Zeit als Profi in drei verschiedenen Ländern, sein Mittel gegen Heimweh, ein Treffen mit Belgiens Nationalcoach Mark van Bommel und den starken Saisonstart mit Saarbrücken.
Heimweh? "Bis jetzt noch nie"
liga3-online.de: In Ihrem Heimatland Belgien herrscht seit der Übernahme von Nationaltrainer Mark van Bommel Aufbruchsstimmung. Wie haben Sie die Geschehnisse rund um die Roten Teufel während der Länderspielpause erlebt, Herr Voet?
Siemen Voet: Ich muss sagen, ich bin schon sehr aufgeregt! (lacht) Zumal ich Mark van Bommel auch schon persönlich kennenlernen durfte.
Wie kam dieses Treffen zustande?
Ich hatte einen Mitspieler in den Niederlanden, der mit van Bommels Tochter zusammen war. Durch ihn hatte ich die Gelegenheit, mit Mark zu sprechen, der damals noch Trainer in Antwerpen war. Er ist eine super Persönlichkeit. Was er der belgischen Nationalmannschaft geben kann, ist Mentalität und offensiven Fußball. Für Belgien ist ein niederländischer Trainer natürlich immer ein bisschen schwierig (lacht). Aber in den ersten beiden Spielen hat man schon gesehen, dass er seinen Fußball durchbringen will. Und das hat mir gefallen.
Wird die belgische Nationalmannschaft mit Mark van Bommel wieder in die absolute Weltspitze vorstoßen?
Die "goldene Generation" ist nicht mehr da. Jetzt sind viele junge und ambitionierte Spieler dabei, das kann auch dank Mark van Bommel eine gute Zusammenarbeit werden. Aber ob sie die absoluten Top-Nationen wie Spanien oder Frankreich schlagen können, das weiß ich nicht. Für mich ist es wichtig, dass sie auf dem Rasen immer 100 Prozent geben. Das will ich als Zuschauer sehen und das ist mit Mark van Bommel auch definitiv möglich.
Wo haben Sie die Länderspiele verfolgt und haben Sie während der spielfreien Zeit die Gelegenheit zu einem Heimatbesuch im nahe gelegenen Belgien genutzt?
Die Spiele habe ich in Saarbrücken angeschaut. Ich war schon während der Weltmeisterschaft dort und habe mir meinen belgischen Schal mitgenommen. Dann fühle ich mich immer wieder ein bisschen wie in Belgien (lacht).
Aber Heimweh nach Belgien haben Sie nicht …?
(lacht) Nein, bis jetzt noch nicht. Ich habe mich in Saarbrücken sehr gut eingelebt, war nur jetzt auch in der Länderspielpause mal wieder ein bis zwei Tage in der Heimat, um Freunde und Familie zu besuchen. Aber 'Homesickness', wie man auf Englisch sagt, habe ich nicht.
Seit 2021 haben Sie für sechs verschiedene Vereine in drei Ländern gespielt. Was haben Sie aus Mechelen, Brügge, Zwolle, Sittard, Bratislava und München an Erfahrungswerten für Ihre Karriere mitgenommen?
Ich hatte so viele Wechsel gar nicht geplant, aber am Ende bin ich nur meinem Weg gefolgt. Bei all diesen Vereinen und in diesen Ländern habe ich viele Erfahrungen gesammelt und bei jedem Verein etwas anderes für mich mitnehmen können.
Zum Beispiel?
In Mechelen habe ich erstmals in der 1. Liga gespielt und dort in der Freizeit sehr viele Online-Kommentare über mich und die gesamte Mannschaft gelesen. Da habe ich mir geschworen: Du musst versuchen, alles, was du auf Social Media siehst und liest, sehr differenziert zu betrachten und nicht an dich heranzulassen. Das war eine sehr wichtige Erkenntnis für mich. Bei Zwolle haben wir gegen den Abstieg gespielt. Das war sehr hoher und vor allem negativer Druck, weil wir jedes Spiel gewinnen mussten, um die Klasse zu halten. Mit Druck umzugehen, das war eine wichtige Erfahrung für mich. Aber: Wenn du gegen den Abstieg spielst, musst du auch realistisch sein. Durch diese Zeit weiß ich, dass es auch mal darum geht, nur möglichst ergebnisorientiert und nicht unbedingt schönen Fußball zu spielen.
"Es hat mich stolz gemacht, in der Champions League zu spielen"
Mit Slovan Bratislava holten sie dreimal die slowakische Meisterschaft und spielten 2024/2025 in der neu eingeführten Ligaphase der Champions League. Wo ordnen Sie diesen Erfolg in ihrer Laufbahn ein?
Ich erinnere mich, dass der Coach in Bratislava unsere defensiven Fehler häufig sehr lautstark bemängelt und somit großen Wert auf konzentrierte Abwehrarbeit gelegt hat. In Sittard habe ich dann versucht, diesen klaren, defensiven Auftrag aus der Slowakei mit möglichst klugem Spielaufbau zu kombinieren. Und mit diesen Erfahrungen bin ich dann nach Deutschland gekommen – und das passt bis jetzt sehr gut. Im Rückblick würde ich allerdings schon sagen, dass Slovan Bratislava für mich ein bisschen wie Höhepunkt und Tiefpunkt zugleich war.
Können Sie das näher erklären?
Ich habe mit Bratislava in der Champions League gespielt – das ist eine Erfahrung fürs Leben. Ich habe gegen Atlético Madrid (1:3; d. Red.) gespielt und war so stolz, weil meine Mutter bei diesem Spiel auf der Tribüne war. Aber nur ein oder zwei Monate später bin ich gar nicht mehr eingesetzt worden. Der Coach war plötzlich kein Fan mehr von mir. Das war für mich nur sehr schwer zu verstehen.
Ihr Wechsel zum 1. FC Saarbrücken kam auch durch den Zwangsabstieg des TSV 1860 München zustande. Mit wie viel Wehmut haben Sie München verlassen?
Das war natürlich nicht einfach. Vor allem, als damals die ersten Nachrichten über die Insolvenz bei mir eintrafen. Aber so ist das Leben. Ich war grundsätzlich glücklich in der Stadt München, bei 1860 hatte ich auch eine gute Zeit. Doch wenn sich eine Tür schließt, geht eine andere auf. Nach einem Jahr bei 1860 bin ich mit sehr viel Erfolgshunger nach Saarbrücken gewechselt. Ich habe hier schnell meinen Fokus gefunden und wurde von allen sehr gut empfangen. Wir sind mit einer Top-Stimmung in die neue Saison gegangen. Das war für mich wichtig, dass ich in einen Verein komme, der professionell arbeitet.
FCS-Sportvorstand Markus Thiele sagte nach Ihrer Verpflichtung, man habe "vom Schicksal von 1860 profitiert“, da Sie sonst gar nicht zu haben gewesen wären. Sind Transfers im Fußball manchmal auch ein bisschen Schicksal?
Das ist schwer zu sagen. Aber für mich persönlich ist es ja wirklich sehr gut gelaufen, dass ich hier in den ersten Monaten beim FCS so erfolgreich bin. Bei 1860 München habe ich gute Spiele gemacht, aber leider keine Tore geschossen. Hier gelingt mir bislang beides. Im ersten Moment war es für mich damals schon schwer, dass es in München nicht weitergeht. Aber ich bin jetzt sehr zufrieden bei meinem neuen Klub und fühle mich in Saarbrücken wohl.
Vier Tore haben Sie bislang für den 1. FCS in den ersten sieben Spielen erzielt, sind torgefährlichster Verteidiger der 3. Liga. Neustart geglückt, könnte man sagen…?
Ja, absolut. Ich habe in meiner Karriere noch nie so viele Tore geschossen wie beim FCS. Ich weiß nicht, ob es an der Luft hier im Saarland liegt…
Die ist gut…
(lacht) Es kam wirklich viel Gutes zusammen in den ersten sieben Spielen. Von daher kann ich zufrieden sein. Ich denke gar nicht groß nach und versuche, die Bälle einfach reinzumachen. Im Moment passt auf jeden Fall alles.
"Jeder Spieler will, dass das Stadion richtig abgeht"
Richtig. Zuletzt landeten Sie gegen die SG Sonnenhof Großaspach beim 2:1 den Lucky Punch. Ein besonderes Tor für Sie?
Auf jeden Fall. Ich habe nach dem Spiel in einem Interview gesagt: 'Wenn du im Bett liegst und an das nächste Spiel denkst, hoffst du immer, dass du in der letzten Sekunde ein Tor schießt. Denn jeder Spieler will, dass das Stadion so richtig abgeht.' Und so war es. Ich habe Bilder von einigen Fans gesehen, wie sie gejubelt haben. Das ist etwas ganz Besonderes. Dass ich der Mannschaft so entscheidend helfen konnte und die Fans dann so glücklich sind, freut mich unheimlich.
Was ist für Sie in Saarbrücken noch wichtig oder anders als bei den oben genannten Stationen?
Was ich sehr schätze, ist das gesamte Trainerteam hier beim FCS. Ich habe einen Analysten, mit dem ich eng zusammenarbeite. Wir haben einen sehr guten Kontakt, sprechen viel über Details. Ich bin jetzt 26, das ist, wie man sagt, die beste Zeit für einen Innenverteidiger. Aber durch diese Analysen kann ich immer noch besser werden. Das hatte ich noch in keinem anderen Verein, dass man mich auf ein besseres, spielerisches Level bringen will.
Im Oktober wartet auf Sie und den 1. FC Saarbrücken eine "Englische Woche" mit den Spielen bei Fortuna Köln und gegen den MSV Duisburg. Sind das zwei echte Härtetests für das Team – und wie lautet Ihre Prognose für diese beiden Partien?
Drei Wochen Länderspielpause sind ja für alle neu – und dann geht es direkt auch noch in eine Englische Woche. Darauf müssen wir vorbereitet und direkt wieder voll konzentriert sein. Fortuna Köln, ein Auswärtsspiel, da müssen wir direkt versuchen, das gute Gefühl aus den ersten sieben Spielen zu bestätigen. Spritzigkeit und Motivation werden wichtig sein. Das Heimspiel gegen Spitzenreiter MSV Duisburg ist unser erstes Abendspiel in dieser Saison. Das wird cool für die Fans. Ich hoffe, dass wir direkt wieder überzeugen und beide Spiele bestenfalls gewinnen können.