Wilhelm: "Vertrauen in eine Kultur kannst du für Geld nicht kaufen"
Ein Fußball, der selbst die Fußball-Hochburg Köln verzaubert, eine neue Generation kleiner El Malas im NLZ und ein Trainer, der das Beste aus beiden Welten verbindet: Marian Wilhelm spricht im Interview mit liga3-online.de über den Aufbau einer Club-DNA ohne ergebnisorientiertes Handeln, Vergleiche zum SC Verl sowie seine höherklassigen Musterschüler aus dem NLZ.
"Wir sollten die Kirche im Dorf lassen"
liga3-online.de: Unter der Woche gelang der Einzug in die 3. Mittelrheinpokal-Runde. Ein Vorbote für einen goldenen Oktober in der 3. Liga, Herr Wilhelm?
Marian Wilhelm: Eher weniger. Ich bin froh, wie unser mit vielen U19-Talenten gespickter Kader diese Art von Herausforderung auf Kunstrasen angenommen hat, ebenso die Gewitterunterbrechung. Das ist alles weit weg von der Normalität, die uns jetzt wieder in der 3. Liga erwartet, wobei du ab Mitte Oktober zumindest damit rechnen musst, dass die Platzbedingungen mal mauer ausfallen.
Von gestandenen Drittliga-Profis wie Gideon Jung bis zu lokalen Medien: Viktoria Köln blieb über die Länderspielpause gefühlt Stadtgespräch. Dringen die diversen Komplimente bis in die Kabine durch?
Das ist eine andere Art der Herausforderung, aber nach der 2:5-Auftaktniederlage gegen Regensburg sind wir auch nicht in Panik verfallen. Egal, ob Hype oder Kritik: In der Kabine behalten wir nach dem positiven Saisonstart unsere Klarheit und gewisse Werte bei. Im Grunde leben wir bei der Viktoria eine Club-DNA, die Ausbildung und Kultur über ergebnisorientiertes Handeln stellt – und zwar in einer Konsequenz, die für Außenstehende manchmal recht schwer zu greifen ist.
Ein Medien-Echo lautet: Der attraktivste Fußball in ganz Köln werde derzeit – wie pflegen die Ur-Kölner zu sagen – auf der "Schäl Sick" gespielt!
Viele assoziieren attraktiven Fußball damit, dass ein Team flach hinten rausspielt und vor allem viele Tore erzielt. Dass wir gerne den Ball haben ist ein wichtiger Teil der DNA auf der rechten Rheinseite. Und die Form der letzten Wochen gibt es her, dass die Jungs teilweise auch mal recht locker auftreten und viele Tore machen. Vielleicht können wir damit ja auch ein wenig dazu beitragen, das eine oder andere Klischee über die "Schäl Sick" aufzubrechen (lächelt).
Wie lässt sich die fußballerische Weiterentwicklung sowie die 15 Punkte dann einordnen?
Wir sollten die Kirche eben im Dorf lassen: Punktetechnisch haben wir über die letzten Jahre (je 12 Zähler aus den ersten sieben Spielen in den Saisons 2024/25 und 2025/26, Anm. d. Red.) einen ähnlichen Start hingelegt. Die öffentliche Wahrnehmung war damals allerdings eine andere. In dieser wohl einmaligen Konstellation mit drei benachbarten Profiklubs weiß jeder um seine Rolle. Und wir fühlen uns mit unserer auf der rechten Rheinseite ausgesprochen wohl.
"Das ist schon ein Statement"
Junger Coach bei einem Low-Budget-Club mit erfrischendem Fußball: Innerhalb der 3. Liga lassen sich Vergleiche zum SC Verl unter Tobias Strobl (jetzt VfL Wolfsburg) oder zuvor Alexander Ende (jetzt Fortuna Düsseldorf) ziehen. Erkennen Sie selbst Gemeinsamkeiten?
Durchaus. Ähnlich wie wir muss der SC Verl in der Regel seine Leistungsträger nach einem oder zwei guten Jahren ziehen lassen. Jeder, der die Stadien, die Bedingungen und die wiederkehrenden Umbrüche sieht, denkt an Abstiegskampf. Und jeder ist dann überrascht, wenn sich Klubs wie Verl oder Viktoria Köln nicht plump diesem Schicksal ergeben, sondern einen ganz anderen Ansatz verfolgen.
Und welches Alleinstellungsmerkmal gibt es in Köln-Höhenberg?
Ganz klar: Die NLZ-Arbeit und die Durchlässigkeit von der U19 nach oben. Wir profitieren quasi von einem organischen Wachstum von innen heraus. Das führt – in Verbindung mit dem fußballerischen Ansatz – dazu, dass Talente zu uns kommen, die sich vor einigen Jahren noch für ganz andere NLZs hier im Fußball-Westen entschieden hätten. Vertrauen bei jungen Spielern in eine Kultur – das gehört noch zu den Dingen, die du für Geld nicht kaufen kannst.
Konsequenz herrscht auch bei der Zielsetzung, wo Sie auch als etablierter Drittligist nie von der 45-Punkte-Marke abweichen. Wissen Sie eigentlich, wann die Viktoria zuletzt länger als einen Spieltag auf einem Abstiegsplatz verbracht hat?
In meiner Premierensaison als auch in der Spielzeit als Co-Trainer unter Olaf Janßen konnten wir es definitiv vermeiden. Darüber hinaus müsste ich jetzt raten.
Das war am 12./13. Spieltag in der Saison 2021/22!
Über diese Zeitspanne gesehen, ist das schon ein Statement. Inzwischen setzt auch ein gewisser Effekt bei Saisonprognosen ein, wo wir über viele Jahre quasi automatisch auf Platz 20 einsortiert wurden.
Aktuell schnuppert die Viktoria gar Höhenluft in der Top 3. Was würde passieren, wenn der aktuelle Lauf bis zur Winterpause anhalten würde? Auch mit Blick auf Kader-Tiefe und einen Backup für den verletzten Alexander Prokopenko …
Der Ausfall von Prokopenko trifft das Team tatsächlich hart. Einen möglichen Ersatz machen wir von vielen Faktoren abhängig, aber sicher nicht vom Tabellenstand zur Winterpause. Hier geht dann bei dem besagten Szenario finanziell keine Extra-Schatulle auf. Der eher kleine Kader soll bewusst Raum lassen, den nachrückende Talente aus der U19 füllen können – und zwar jede Woche ganz ohne Berührungsängste gegenüber etablierteren Spielern.
"Das hätte ich mir nicht schöner malen können"
Hilft Ihnen die Legacy – Sie sind seit 17 Jahren im Verein und fingen als U10-Trainer an – das Team mit besagtem Ansatz zu entwickeln und entsprechend zu coachen?
Mit Ausnahme einer D-Jugend habe ich bei der Viktoria fast wirklich alle Posten durch, die es gibt. Und sei es im Staff unter Claus-Dieter Wollitz als Athletiktrainer. Die Erfahrung beziehungsweise der Weg, den ich bis zum Aufstieg zum Cheftrainer gegangen bin, hilft vor allem dabei, die eigene Überzeugung auf die Spieler zu übertragen. Wir bekommen ja auch die Stimmen aus dem Umfeld mit, die sagen: Wir haben nicht das Budget für diesen Fußball. Oder auch: Ist dieses System nicht zu viel Risiko? Gerade in diesen Momenten kommt es auf mich an, den Glauben an unsere gemeinsame Vision im inneren Kreis zu schützen.
Gab es Momente als Cheftrainer, in denen Sie ein taktisch genauso gut oder besser eingestellter Gegner ins Grübeln gebracht hat, von dieser fußballerischen Überzeugung abzuweichen?
Ja das passiert in der 3. Liga häufig und macht den Reiz aus. Aber ich bleibe Überzeugungstäter – unabhängig vom Gegner und dessen System und Pressing-Varianten. Wenn wir noch mal auf den Saisonauftakt in Regensburg zurückblicken: Einige hätten wohl erwartet, dass die Reaktion auf die 2:5-Niederlage sein würde, die Abwehrkette um Meiko Sponsel, Tobias Eisenhuth und Tim Kloss aufzubrechen. Daran habe ich keine einzige Sekunde gedacht, sondern den Jungs gesagt: Wir müssen besser werden, aber wir werfen nicht alles über den Haufen. Wir ziehen das durch, mit dieser Viktoria-DNA und genau in dieser Besetzung hinten. In den folgenden sechs Spielen gab es fünf Siege bei nur vier Gegentreffern.
Ihr Vorgänger Olaf Janßen gehörte gleichzeitig zu Ihren großen Förderern. Gibt es nach dessen Wechsel zu den Grasshopper Zürich in die Schweiz noch regelmäßig Kontakt?
Natürlich. Unsere Beziehung geht ja weit über ein kollegiales Verhältnis oder einen Anruf einmal pro Jahr zum Geburtstag (Olaf Janßen wurde am 8. Oktober 60 Jahre, Anm. d. Red.) hinaus. Die ersten Berührungspunkte gab es zu Olafs Zeit bei Dynamo Dresden, als einer seiner Söhne in meinem Jugendteam gespielt hatte. Ich schätze seinen Rat und die Offenheit gegenüber neuen Themen. Seine Entscheidung, mich vorher ein Jahr als Co-Trainer aufzunehmen, im Wissen, dass ich irgendwann wohl sein Nachfolger werde – das hätte ich mir nicht schöner malen können.
Über ein Dutzend Spieler, die Sie während Ihrer Zeit als Jugendtrainer entwickelt haben, kicken heute im Profifußball. Von Said El Mala einmal abgesehen: Auf wen sind Sie besonders stolz?
Puh, sehr schwer, sich hier auf Namen festzulegen, weil es eben die sportlichen Erfolgsgeschichten und die persönlichen Storylines und Anekdoten mit einigen Jungs gibt. In die erste Kategorie fällt ein Jonah Sticker durch den dramatischen Bundesliga-Aufstieg über die Relegation. Einen Zoumana Keita kenne ich wiederum, seit er hier im Alter von neun Jahren unter mir in der Jugend gespielt hat.
Und wie viele El Malas schlummern heute noch rund um den Höhenberg?
Die Frage zeigt die gestiegene Erwartungshaltung. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, als unser NLZ-Leiter sagte: 'Marian, wir müssen hier einfach mal EINEN Nationalspieler entwickeln.' Ein überragendes Timing, wenn du gerade nicht mal auf Verbandsebene top warst. (lächelt) Ein paar Jahre später haben wir nicht nur einen Said El Mala, sondern auch einige Junioren-Nationalspieler entwickelt. Ich weiß um talentierte Jahrgänge, die noch kommen, aber du hast auch immer wieder Spätzünder und ich halte es daher auch für falsch, Jungs schon in der U16 oder U17 abzuschreiben.