Passt Breitenreiter zu Hansa? Eine Analyse seiner Spielidee
Mit André Breitenreiter hat der F.C. Hansa Rostock einen Trainer verpflichtet, der für offensiven und intensiven Fußball steht. Auch wenn der 52-Jährige bevorzugt in einem 4-4-2 spielen lässt und damit auf eine andere Grundordnung setzt als sein Vorgänger Daniel Brinkmann, der zuletzt meist auf ein 4-2-3-1 vertraute, gibt es bei den grundsätzlichen Spielprinzipien einige Parallelen. Eine Analyse.
4-4-2 statt 4-2-3-1: Unterschiede kleiner als gedacht
Er sei "von Anfang an der Wunschkandidat gewesen", ließ die Kogge am Montagabend über Breitenreiter verlauten. Und das, obwohl der 52-Jährige in der Vergangenheit meist auf ein anderes Spielsystem setzte als Daniel Brinkmann. Doch der gebürtige Niedersachse hat in seiner Karriere mehrfach bewiesen, dass er flexibel auf Personal und Gegner reagiert. Bei Hannover 96 wechselte er beispielsweise zwischen Vierer- und Dreierkette und nutzte neben dem 4-4-2 auch andere Systeme wie das 4-2-3-1. Die Unterschiede zu Brinkmanns bevorzugter Grundordnung liegen daher weniger in der Formation selbst als in den Rollen der Spieler. Im 4-4-2 agieren zwei Angreifer im Zentrum, während die Außenspieler häufig stärker in die Defensivarbeit eingebunden werden. Für Hansa würde eine mögliche Umstellung deshalb vor allem veränderte Aufgabenprofile bedeuten – und keinen kompletten Bruch mit dem bisherigen Spielstil.
Viel wichtiger als die reine Systemfrage sind daher die Prinzipien, für die Breitenreiter steht. Seine Mannschaften sollen aktiv verteidigen, den Gegner früh unter Druck setzen und nach Ballverlusten sofort ins Gegenpressing gehen. Nach Ballgewinnen sucht er den schnellen Weg nach vorne und bevorzugt ein vertikales Umschaltspiel. Das war auch schon bei seiner ersten Station im Profibereich beim SC Paderborn so. Genau diese Eigenschaften hatte Hansa gesucht. Sportchef Amir Shapourzadeh erklärte in der Pressemitteilung zur Vorstellung des 52-Jährigen, dass sich Breitenreiters Fußballphilosophie "sehr" mit den Vorstellungen des Vereins decke.
Defensive wird zum Prüfstein
Spannend wird vor allem die Frage, ob Breitenreiter die Defensive stabilisieren kann. Denn genau dort liegen die größten Probleme der Rostocker in den vergangenen Monaten. Allein in dieser Saison schlug es bereits 15 Mal – nur Jahn Regensburg kassierte noch mehr Gegentreffer (17). Breitenreiter gilt zwar als Verfechter eines offensiven Ansatzes, legt aber großen Wert auf die Arbeit gegen den Ball. Schon während seiner Zeit beim FC Schalke 04 verlangte er konsequentes Anlaufen und ein aggressives Pressingverhalten.
Auch beim FC Zürich, den er 2022 zur Schweizer Meisterschaft führte, überzeugte seine Mannschaft nicht nur offensiv (76 Tore), sondern auch durch eine gute Organisation gegen den Ball. 46 Gegentore in 36 Partien bedeuteten seinerzeit den zweitbesten Wert der Liga. Dabei hatte der FCZ nur 46,5 Prozent Ballbesitz, gehörte laut "Tactical Analysis" aber zu den stärkeren Kontermannschaften der Schweizer Liga. Die größere Herausforderung wird sein, mehr Stabilität und Verlässlichkeit in die Defensivarbeit zu bekommen.
Noch ohne Drittliga-Erfahrung
Insgesamt sprechen viele Faktoren dafür, dass Breitenreiter gut zum Anforderungsprofil der Rostocker passt. Er steht für intensiven Fußball, aktives Verteidigen, schnelles Umschalten und eine offensive Herangehensweise. Gleichzeitig bringt er die nötige Flexibilität mit, um seine Spielidee an die vorhandenen Gegebenheiten anzupassen. Zudem stieg er sowohl mit Hannover 96 als auch mit dem SC Paderborn in die Bundesliga auf und kennt sich nach seinen Stationen in Hannover und Schalke auch mit dem teilweise unruhigen Umfeld bei einem Traditionsverein aus.
Ein Fragezeichen bleibt allerdings: Breitenreiter kennt die 3. Liga bislang nicht. Er muss sich damit nicht nur auf einen neuen Kader, sondern auch auf eine Spielklasse einstellen, in der andere taktische und körperliche Anforderungen gelten. Hinzu kommt: Breitenreiters Mannschaften agieren häufig mutig, stehen hoch und investieren viel in Pressing sowie Gegenpressing. Funktionieren diese Abläufe nicht sauber oder fehlt die nötige Intensität, entstehen Räume für den Gegner. Genau dort hatte Hansa zuletzt immer wieder Probleme. Sollte es Breitenreiter nicht gelingen, die Balance zwischen offensiver Ausrichtung und defensiver Stabilität herzustellen, könnten bekannte Schwächen erneut sichtbar werden.
Fazit
Ob Breitenreiter in Rostock erfolgreich sein wird, dürfte daher weniger von der gewählten Grundordnung abhängen als von seiner Fähigkeit, die Defensive zu stabilisieren. Die offensive Ausrichtung passt zum Anforderungsprofil des Vereins. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die bekannten Probleme gegen den Ball in den Griff zu bekommen. Gelingt es ihm, das aggressive Spiel gegen den Ball besser abzusichern, könnte der Wechsel auch taktisch genau das liefern, was Hansa zuletzt gefehlt hat: mehr Stabilität, ohne die offensive Ausrichtung aufzugeben.