30. Januar 2017 um 14:55 Uhr

Strittige Szenen am 20. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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© imago/Eibner

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Die nicht gegebenen Elfmeter für Duisburg, Paderborn und Magdeburg (2), die nicht anerkannten Treffer für Paderborn und Mainz, das Foul von Iltjutcenko an Kruse und das 2:2 für Chemnitz. Am 20. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de acht strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: 25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Seit Februar 2015 hat er eine neue Aufgabe: Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab.

Szene 1: Ben Zolinski (SC Paderborn) bringt Simon Brandstetter (MSV Duisburg) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Marcel Schütz lässt die Partie weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]

Babak Rafati: Zolinski trifft Brandstetter zwar nicht und somit liegt kein Kontakt vor, jedoch ist das Bein des Paderborner Spielers zu hoch. Das Bein hat im Brustbereich des Gegenspielers nichts zu suchen. Es hätte bei dieser Aktion einen indirekten Freistoß wegen gefährlichem Spiel geben müssen. Daher liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 2: Stanislav Iljutcenko (MSV Duisburg) geht mit gestrecktem Bein in Paderborn-Keeper Lukas Kruse, sieht von Schütz aber nur Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]

Babak Rafati: Iljutcenko hat seinen Blick zum Ball gerichtet und versucht den Ball zu erreichen. Als er im letzten Moment den heraneilenden Torwart von Paderborn sieht, zieht er sein Bein etwas zurück und trifft ihn folglich nicht mit offener Sohle oder gestrecktem Bein, sondern streift ihn minimal, sodass Kruse eher mit einem Schrecken und einer leichten Blessur davon kommt. Völlig richtig, hierbei nur die gelbe Karte zu zeigen. Auch prima vom Schiedsrichter gelöst, indem er zunächst abwartet. Somit kann er Reaktionen, Verletzungen, Meldungen vom Assistenten – der den Vorgang seitlich beobachtet und somit eine viel bessere Perspektive hat –  abwarten, um zusätzlich mögliche Faktoren in seine Entscheidung einfließen zu lassen.

Szene 3: Koen van der Biezen (SC Paderborn) wird im Strafraum von Kevin Wolze (MSV Duisburg) zu Fall gebracht, auf den Elfmeterpunkt zeigt Schütz jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:28:00]

Babak Rafati: Van der Biezen nimmt den Ball im Strafraum von Duisburg mit dem Oberschenkel in vollem Lauf mit und wird dabei durch Beinstellen vom Duisburger Verteidiger Wolze zu Fall gebracht und am Weiterlaufen gehindert. Der Schiedsrichter entscheidet auf Eckball, da er davon ausgeht, dass Wolze den Ball trifft und zur Ecke klärt. Zugegebenermaßen ist das eine schwierige Entscheidung, zumal sich die Szene im Bereich der rechten Strafraumseite abspielt und dieser bekanntlich im Straßenverkehr mit dem toten Winkel verglichen werden kann. Hier hätte der Assistent sehr gut unterstützen können und dem Schiedsrichter die nötige Spielfortsetzung mitteilen können. Eine Fehlentscheidung, denn es hätte Strafstoß für Paderborn geben müssen.

Szene 4: Nach einem Freistoß trifft Koen van der Biezen zum 1:1 für Paderborn, der Schiedsrichter erkennt den Treffer aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition jedoch nicht an. [TV-Bilder – ab Minute 4:05]

Babak Rafati: Es ist keine Regelwidrigkeit erkennbar – weder ein Foulspiel, noch eine Abseitsposition. Es spricht jedoch alles dafür, dass der Schiedsrichter wegen einer vermeintlichen Abseitsposition, die ihm vom Assistenten angezeigt wird, den Treffer nicht anerkennt. Er hat den Arm gehoben und gibt somit einen indirekten Freistoß, was in diesem Fall auf Abseits signalisiert. Beim Foulspiel nach voran gegangenem Kontakt würde das Spiel mit einem direkten Freistoß fortgesetzt werden und der Arm des Schiedsrichters würde unten bleiben. Eine Fehlentscheidung, den Treffer nicht zu geben.

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Szene 5: Florian Kath (1. FC Magdeburg) dringt in den Strafraum ein und wird von Michael Kessel (Fortuna Köln) gefoult. Schiedsrichter Arne Aarnink wartet kurz und gibt dann lediglich einen Freistoß für den FCM. [TV-Bilder – ab Minute 1:11:00]

Babak Rafati: Eine für das Schiedsrichtergespann sehr schwierige Entscheidung, für die selbst der Fernsehzuschauer mehrere Betrachtungen benötigt, da es um Millimeter geht. Zunächst einmal steht der Schiedsrichter nicht optimal zum Vorgang, da er dem Geschehen hinterher läuft und somit die nötige Seiteneinsicht fehlt. Wenn der Schiedsrichter seitlich von links in den Zweikampf geschaut hätte, wäre eine größere Wahrscheinlichkeit vorhanden den genauen Tatort zu beurteilen. Zudem kann der Assistent nicht helfen, da seine Sicht von zahlreichen Spielern verdeckt ist und er zudem richtigerweise etwas "tiefer" steht, da er wegen der vorrangigen Abseitsbeurteilung auf Höhe des vorletzten Verteidigers stehen muss.

Der Kontakt des Verteidigers beginnt außerhalb des Strafraums, jedoch ist dieser Kontakt auf der Strafraumlinie durch das Weiterlaufen immer noch gegeben. Die Strafraumlinie gehört zum Strafraum, somit hätte es einen Strafstoß für Magdeburg geben müssen. Eine Millimeterentscheidung. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, die nur durch optimales Stellungsspiel zu lösen ist.

Szene 6: Nach einem Schuss von Tobias Schwede (1. FC Magdeburg) blockt Cédric Mimbala (Fortuna Köln) den Ball im Strafraum mit dem Oberkörper ab, Magdeburg will ein Handspiel gesehen haben. Die Pfeife von Aarnink bleibt allerdings stumm. [TV-Bilder – ab Minute 4:10]

Babak Rafati: Mimbala bekommt den Ball an den Oberkörper geschossen, das Spiel geht weiter. Die Tatsache, dass der Ball aus kurzer Distanz geschossen wird und Mimbala zudem eine natürliche Körperhaltung einnimmt, würde sogar bei Blockierung durch den Arm kein absichtliches Handspiel vorliegen. Hier liegt der Schiedsrichter richtig, weiterspielen zu lassen.

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Szene 7: Nach einem Foul von Stefano Cincotta (Chemnitzer FC) an Pascal Sohm (Sonnenhof Großaspach) läuft die Partie weiter und Chemnitz erzielt das 2:2. Schiedsrichter Felix-Benjamin Schwermer gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 4:15]

Babak Rafati: Sohm springt zum Kopfball hoch, kommt unglücklich auf dem Boden auf und verletzt sich dabei. Es ist kein Unterlaufen oder dergleichen vom Chemnitzer Cincotta in dieser Einstellung zu sehen, daher ist es richtig, weiterspielen zu lassen.

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Szene 8: Maximilian Rossmann trifft zum 1:0 für den FSV Mainz 05 II, Schiedsrichter Pascal Müller verwehrt dem Treffer jedoch die Anerkennung. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Der Angreifer von Mainz versperrt beim Torschuss die Sicht des Zwickauer Torhüters und steht in dessen Blickfeld. Somit eine richtige Entscheidung, den Treffer nicht anzuerkennen.

 

 

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  • Uwe Arnold

    Der Elfmeter für Fortuna gegen den FCM war doch auch strittig, wieso ist der den nicht bewertet worden? Erdanziehung?

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