12. November 2017 um 08:59 Uhr

Rot-Weiß Erfurt: Zig Brandstifter, aber kein Löschtrupp

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© imago/Hessland

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Drunter und drüber geht es in der Landeshauptstadt Thüringens dieser Tage. Rund um Rot-Weiß Erfurt ist an allen Ecken und Enden Streit entbrannt. Das taugt, um kurzfristig von den sportlichen Sorgen abzulenken – über kurz oder lang wird der Verein daran aber zu Grunde gehen. Ein Ausweg erscheint von Tag zu Tag schwerer. Ein Kommentar.

Institution geht von Bord

Nun ist Rolf Rombach also doch kein Präsident der Erfurter mehr. Er trat aus freien Stücken zurück, nachdem er in der Vorwoche zunächst vom Aufsichtsrat abgesetzt und drei Tage später nach einem gemeinsamen Gespräch mit Präsidium und Ehrenrat wieder inthronisiert worden war. Keine Frage, mit ihm verschwindet eine Institution dieses Fußballvereins, und ohne ihn wird eine neue Zeitrechnung beginnen. Nicht jeder war mit der Arbeit der polarisierenden Führungskraft vollends einverstanden, doch auf der Hand liegt, dass Rombach Tag und Nacht dafür arbeitete, den klammen FC Rot-Weiß in der unattraktiven 3. Liga bestehen zu lassen. Und das ist nach zehn Jahren, in denen ganz andere Kaliber von Traditionsvereinen in die Provinz abstürzten, aller Ehren wert. Aber es hat auch seinen Preis, und zwar Schulden.

Schulden, mehr Schulden, noch mehr Schulden

Schulden, deren Höhe aktuell täglich variiert. 5,5 Millionen Euro war der Richtwert der Vergangenheit, Neu-Präsident Frank Nowag musste nach einer Prüfung der Akten eine weitere Million hinzuaddieren. Zwischendrin trudelte die Nachricht ein, dass Erfurt mit der Zahlung der bereits reduzierten Miete für das frisch modernisierte Steigerwaldstadion hinterherhinke. Und kürzlich ließ Nowag dann sogar verlauten, der Schuldenstand wäre nochmals höher – das sah stark nach einem Nachtreten gegen Rombach aus, ein weiterer Mosaikstein der öffentlich ausgetragenen Differenzen innerhalb der Erfurter Führungsgremien. „Ich muss diesen Schritt nun gehen, auch wenn er mir wahnsinnig schwerfällt. Es ist ein emotionaler und trauriger Tag für mich“, sagte Rechtsanwalt Rombach am Freitag bei seinem Abschied derweil sichtlich gerührt. Der, der den Laden so lange zusammenhielt, verlässt das Schiff schweren Herzens.

Ein Verein ohne Führung

Wer den Fußballverein nun als Führungsperson leiten soll, ist völlig offen. Erfurt besitzt keinen Anführer mehr und strahlt das Image eines Chaosclubs aus. Ein Beispiel: Trainer Stefan Krämer wurde ohne jede Not gefeuert – Nachfolger David Bergner wurde vom Talentsucher zum Chefcoach ernannt. Befürchtet hatten viele, was nun eingetreten ist. Die neuen Impulse beschränken sich auf ein Minimum, Erfurt verharrt bis auf Weiteres auf dem letzten Tabellenplatz und schafft es selbst bei der Seltenheit von gleich zwei selbst erzielten Treffern nicht, einen Punkt am heimischen Steigerwald zu behalten. Der sportliche und der finanzielle Kollaps rücken im Gleichschritt näher. Und um das Armutszeugnis zu komplettieren, wurde vom neuen Präsidenten zwischenzeitlich sogar der Name Stefan Krämer wieder in die Verlosung geworfen. Der Lockenkopf kann trotz aller Hingabe für den Thüringer Verein froh sein, um diesen nun einen Bogen machen zu können.

Unter dem Strich kann nur der Abstieg stehen

Verlierer der ganzen Possen ist, wie es Rolf Rombach bereits sagte, der Verein – und allen voran seine treuen Anhänger, die sich vor dem Rest der Liga in Grund und Boden schämen können. Auch überregionale Fußballredaktionen wie "11 Freunde" haben den Niedergang von Erfurt längst aufgefasst. Es hat für Außenstehende etwas vom neugierigen Gaffen eines Unfalls, diesen Erfurtern beim kläglichen Scheitern, bei der Selbstzerfleischung zuzusehen. Wenigstens hält die Fußballergemeinschaft zusammen, spricht in den sozialen Netzwerken Erfurt aufmunternde Worte aus. Speziell die Teams aus dem Osten bangen um eines ihrer ersehnten Ostduelle. Höchstwahrscheinlich ist das vergebene Hoffnung. Denn unter dem Strich all dieser Querelen, all dieser negativen Entwicklungen und falschen Entscheidungen kann nur der sportliche Abstieg in die Regionalliga stehen – oder die Insolvenz, die angesichts des Punktestands ebenso verheerende Auswirkungen besäße.

 

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  • Kritiker

    Das schlimme an der ganzen Entwicklung bei RWE ist, dass der Aufsichtsrat um Kästner und Nowag fast ohne Grund eine Debatte öffentlich gemacht hat, die angesichts der sportlichen Krise völlig unnötig ist. Rombach hat der Verein 2005 mit 3,7 Mio Schulden übernommen und steht aktuell bei 5,5 Mio, wobei ein Großteil langfristige Verbindlichkeiten sind. Ich bin mir sicher, dass diese Herren am 1.12. von den Mitgliedern nicht wieder in den neuen Aufsichtsrat gewählt werden. Aber hauptsache, sie haben jetzt erstmal genug Porzellan zerschlagen. Die beiden Herren sollten sich schämen, für das, was sie dem Erfurter Fußball angetan haben. Ohne Rombach geht der Verein zugrunde!

    • Sterneneisen

      Was den Aufsichtsrat angeht mag das alles stimmen. Aber der letzte Satz widerspricht einem der vorherigen: Unter Rombach hat der Verein 1,8 mio. Schulden gemacht. Außerdem hat der Verein für über 1 mio. Genußscheine ausgestellt, die zwar nicht in die Bilanz eingehen, nichtsdestotrotz de facto Schulden sind. Dazu hat Rombach immer wieder den großen Aufschwung herbeigebetet, der nie eintrat. Immer weniger Zuschauer trotz neuem Stadions – die fehlende Tribüne kann dafür wohl kaum eine Ausrede. Außerdem ist die Mannschaft – Stand jetzt – im Abstiegskampf. Auch das liegt im Aufgabenbereich des Präsidiums.

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