19. Februar 2017 um 19:12 Uhr

Kommentar: Ist das noch unser Fußball?

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© imago/Eisenhuth

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Der FC Bayern steht an der Spitze der Bundesliga, etliche Trainer stehen hier und dort zur Diskussion und die 3. Liga ist ausgeglichen bis zum Geht-nicht-mehr – eigentlich verläuft im deutschen Profifußball doch alles wie immer. Nur ist der Reiz des Sportlichen irgendwie verloren gegangen. Neue Themen belagern die öffentliche Agenda. Und sie überformen, sie absorbieren den Fußball. Ein Kommentar.

Andere Themen im Mittelpunkt

Von einem medialen Aufschrei, der die Allgemeinheit etwa rund um Borussia Dortmund und seine Anhänger seit Wochen verfolgt, ist der Drittliga-Fußball glücklicherweise bisher verschont geblieben. Nicht jeder verfolgt die 3. Liga, nicht jeder bildet sich eine eigene Meinung und wirft sie in einen Topf, der zum klaren Denken viel zu klein ausfällt und daher seit Monaten immer wieder überkocht. Nicht wenige Anhänger aus Duisburg, Halle, Kiel oder Osnabrück werden in dieser Zeit erleichtert auf die eigene Situation schauen und feststellen: Was können wir froh sein. Dass bei uns nicht derart viel diskutiert wird. Dass sich nicht jeder einmischt. Dass mein Verein von der Öffentlichkeit nicht zerrissen wird. Schalke in Saloniki, Leipzig in Dortmund, der HSV wiederum in Leipzig, Darmstadt in Frankfurt – es kracht an allen Ecken und Enden, und es führt zu teils drastischen Konsequenzen. Der Fußball steht längst nicht mehr im Mittelpunkt.

Wem macht dieser Fußball noch Freude?

Still, heimlich und leise haben sich ähnliche Prozesse jedoch auch in der 3. Liga etabliert. Wen die Schuld trifft, soll an dieser Stelle gar nicht erst diskutiert werden. Viel drastischer fallen die Auswirkungen für jene aus, die an einem friedlichen Fußballspiel interessiert sind – und das ist, auch wenn man es frei nach der Berichterstattung der letzten Wochen kaum mehr glauben mag, noch immer die überwiegende Mehrheit der Fans. Ihnen bereitet der Fußball heutiger Zeit weniger Freude als früher. Sie müssen für Toilettenpapier an Kiosken fragen, matschige Sandwiches und abgefüllte Trinkpäckchen in die Gästeblöcke schmuggeln. Sie können teilweise nicht einmal mehr am Stadion ein Ticket kaufen, weil die Tageskassen geschlossen bleiben. Wer nicht in der Nähe wohnt und kein Internet besitzt (auch diese Leute gibt es noch!), guckt möglicherweise in die Röhre.

Sinkende Zuschauerzahlen untermauern den Sättigungseffekt

Sinkende Zuschauerzahlen bei nicht wenigen Vereinen untermauern einen allmählichen Sättigungseffekt, der auch durch jene Maßnahmen weiter verstärkt wird. Dabei müssen es gar nicht die Extrembeispiele sein, die in jüngerer Vergangenheit für Aufsehen sorgten. Auch das teils intime Abtasten an Eingängen, das Verbot von alkoholhaltigem Bier in Gästeblöcken oder gar ganzen Stadien oder ein vollständig überwachter Weg der gegnerischen Anhänger von Bahnhof und Parkplatz zum Stadion. Ob all diese Maßnahmen eine tatsächliche Entwicklung in die Wege leiten, ist äußerst zweifelhaft. Man gewinnt den Eindruck: Irgendwann werden Fußballfans persönlich in einen vollständig umzäunten Käfig begleitet, der Komfort und die Freude am Stadionbesuch gehen gegen Null – und Sicherheitskräfte würden ihr ausgefeiltes Konzept noch immer in höchsten Tönen loben.

Ein seelenloser Sport

Eine Lösung, die den modernen Fußball aus diesem Teufelskreis führen kann, ist nicht absehbar. Aktive und lebendige Fans werden in ihren Rechten beschnitten, sie kann das Profigeschäft ohnehin nicht gebrauchen. Die Reaktion folgt in Form von Gegenwehr, die wiederum sanktioniert wird. Gleichzeitig dreht sich die Geldmaschine weiter, es wird mehr und mehr Fußball gezeigt und in alle Länder vermarktet. Auch vor der 3. Liga macht dieser Prozess, deren Spielplan spätestens mit dem neuen TV-Vertrag entzerrt werden dürfte, nicht Halt. Aber wie lange möchte der hiesige Fußballanhänger diesen seelenlosen Sport noch verfolgen? Wann vergeht auch das letzte Fünkchen Freude am Stadionerlebnis? Immer mehr deutet daraufhin, als würde sich eine gewaltige Blase der Überformung bilden, die über kurz oder lang krachend platzen wird. Wer einfach nur Fußball in seiner Ursprünglichkeit und Reinform bewundern möchte, der wird diesen Moment schon jetzt sehnlichst herbeiwünschen.

 

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  • Fat Tony

    Lasst doch die Eventies in ihre Hochsicherheits-Arenen strömen und schaut Euch lieber mal wieder ein Bezirksligaspiel an :-)

  • gästin

    @DM & @Gast: bitte lesen Sie den Artikel doch ruhig nochmal. Denn in diesem geht es ja nun gerade nicht um Schuldzuweisung, sondern eher um die Situation, wie sie sich für einen Fan, der sich dieser "leicht" außerkontrolle geratenen Sicherheit ausgeliefert fühlt, darstellt.

  • heiligeronkel

    100 % richtig geschrieben sehr lesenswert und mir als fan aus der sehle gesprochen VIEL DANK !

  • Sterneneisen

    Das Problem ist vor Allem, dass auch friedliche Fans (Ultras & weiter Fanclubs) das Treiben von Hools bzw. Ultras, die an "Aktionen" beteiligt sind, diese auch mittragen/akzeptieren bzw. Nibelungentreue an den Tag legen. Mitgehangen, mitgefangen. Das sind die, die immer am lautesten schreien, weil sie organisiert sind.
    Eigentlich müsste das Gegenteil eintreten: Durch Vermarktung, Eventcharakter usw. müsste das viel mehr Bevölkerungsgruppen angesprochen werden, als der typische Arbeiter.

  • Gast

    Die Meinung des Autors teile ich nicht.
    Ich persönlich habe nach wie vor viel Freude an diesem Sport und merke auch bei anderen, das sie viel Freude an diesem Sport haben.

    "die Freude am Stadionbesuch gehen gegen Null"

    Sehe ich anders. ich besuche jedes Heimspiel des MSV, sowie viel Auswärts Partien und mir und meinen Kollegen, mit den ich meistens im Stadion bin, bereitet es immer viel Freude.

    Sicherlich gibt es einige Probleme die, den Spaß an diesem Sport trüben, aber die Freude an diesem Sport nimmt es mir nicht.

  • DM von 1907

    Dieser Kommentar geht leider an der Wirklichkeit vorbei – und das gründlich. – Zitat:

    "Wen die Schuld trifft, soll an dieser Stelle gar nicht erst diskutiert
    werden. Viel drastischer fallen die Auswirkungen für jene aus, die an
    einem friedlichen Fußballspiel interessiert sind – und das ist, auch
    wenn man es frei nach der Berichterstattung der letzten Wochen kaum mehr
    glauben mag, noch immer die überwiegende Mehrheit der Fans."

    Da genau liegt der Fehler, dass über Schuld und Ursachen für diese bedauerliche Entwicklung nicht diskutiert werden soll. Genau darüber muss aber zuerst gesprochen werden. Wie kann man die Chaoten ermitteln und mit Stadionverboten belegen, die mit Pyros zündeln, Toilettenhäuschen in Brand stecken, mit Steinen werfen und affenlaute anstimmen? Das sollte doch bei den heutigen technischen Möglichkeiten und den vielen Kameras in den Stadien möglich sein! (Und manche Vereine sind da auch durchaus konsequent und ernsthaft in ihrer Aufarbeitung). Auch brauchen wir penible Einlasskontrollen. Wer auf diese schimpft, nicht aber auf diejenigen Chaoten, die diese Kontrollen mit ihren Rucksackladungen erst nötig machen, verwechselt den Seismographen mit dem Erdbeben.

    Natürlich ist es die überwiegende Mehrheit der friedlichen Fans, die die Suppe der Verbote und Kontrollen mit auslöffeln muss. Diese Mehrheit sollte sich klar gegen die Chaoten stellen und ihnen jede Solidarität aufkündigen. Wer auch künftig "Freude am Stadionerlebnis" haben will, wird dafür viel tun müssen – leider.

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