11. April 2017 um 19:40 Uhr

Insolvenz! Wie es für den FSV Frankfurt jetzt weitergeht

Von
© imago/Hübner

© imago/Hübner

Überraschend kam die Meldung am Dienstagmittag zwar nicht, für Ernüchterung hat sie aber dennoch gesorgt: Der FSV Frankfurt ist zahlungsunfähig und hat Insolvenz angemeldet. liga3-online.de erklärt, warum es dazu gekommen ist, welche Konsequenzen drohen und welche Perspektive die Bornheimer nun haben.

Hintergründe

Warum hat der FSV Frankfurt einen Insolvenzantrag gestellt?

Die Gründe sind vielschichtig, doch vor allem der Schuldenberg in Höhe von rund drei Millionen Euro (darunter zwei Millionen Euro kurzfristige Zahlungen) habe den Insolvenzantrag "alternativlos" gemacht, wie Präsident Michael Görner am Dienstag sagte. Allein um die Gehälter und die allernötigsten Kosten für den Spielbetrieb bis zum Saisonende zahlen zu können, hätte der Verein bis zum 30. Juni rund 400.000 Euro generieren müssen  – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Darüber hinaus steht der Verein mit über 600.000 Euro bei der Berufsgenossenschaft in der Kreide.

Angesichts dieser Zahlen war ohnehin unklar, ob der FSV überhaupt eine Zulassung für die kommende Drittliga-Saison erhalten hätte. Rund eine Million Euro fehlen den Bornheimern dafür, da einmalige Sonderzahlungen, wie aus dem DFL-Rettungsschirm für Zweitliga-Absteiger (500.000 Euro) sowie die DFB-Pokal-Prämien (140.000 Euro), wegfallen. Ohnehin wird der Zweitliga-Absteiger die laufende Saison wohl im sechsstelligen Minus abschließen. "Das passt vorne und hinten nicht", so Görner. Deshalb sei es "vollkommen unseriös, zum jetzigen Zeitpunkt noch Gelder von unseren Partnern zu akquirieren, ohne das wir garantieren können, dass das zu einer vernünftigen mittelfristigen Lösung führt."

Hinzukommt, dass der FSV den Schuldenberg bei einem Abstieg in die Regionalliga mitgenommen hätte. Ein Neuanfang wäre somit kaum möglich gewesen. Hätten die Bornheimer den Insolvenzantrag erst nach Saisonende gestellt, wären sie mit neun Minuspunkten in die neue Serie gestartet – eine erhebliche Hypothek im Kampf um den direkten Wiederaufstieg.

Wer zahlt jetzt die Gehälter der Spieler?

Wie im Rahmen einer Insolvenz üblich, können die Spieler und Mitarbeiter des Vereins für drei Monate ein Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit beziehen.

Welche Rolle hat die aktuelle sportliche Lage gespielt?

Laut Präsident Michael Görner sei der Insolvenzantrag "völlig unabhängig" von der aktuellen sportlichen Situation gestellt worden. Die Entscheidung sei nicht davon abhängig gemacht worden, "ob wir Zehnter sind oder Vorsprung auf die Abstiegsplätze haben." Der Zeitpunkt für eine Insolvenz sei "klar geregelt" und "kein Spielball", macht der FSV-Präsident klar.

Kann der Spielbetrieb bis zum Saisonende fortgeführt werden?

"Es ist selbstverständlich das Ziel, den Spielbetrieb in dieser Saison aufrechtzuerhalten und die Voraussetzungen für die kommende Saison zu schaffen", wird Insolvenzverwalter Fabio Algari in der "FAZ" zitiert. Auch der DFB teilte auf Anfrage unserer Redaktion mit: "Wir gehen davon aus, dass der Spielbetrieb bis zum Saisonende aufrecht erhalten werden kann."

Was passiert, wenn der Spielbetrieb nicht fortgeführt werden kann?

Hier greift Paragraf 55a Nr. 4 der DFB-Spielordnung: Scheidet ein Verein vor den letzten fünf Spieltagen aus, werden alle Saisonspiele des Vereins nicht gewertet. Scheidet ein Verein innerhalb der letzten fünf Spieltage aus, gilt Folgendes: Alle bereits ausgetragenen Partien werden gemäß des Spielausgangs gewertet, alle nicht ausgetragene Spiele werden mit drei Punkten und 2:0 Toren für den Gegner gewertet.

Das heißt: Stichtag ist der 34. Spieltag. Sollte der FSV Frankfurt vor dem 34. Spieltag aus dem Spielbetrieb ausscheiden, würden alle Spiele nicht gewertet und somit annulliert werden. Damit es nicht dazu kommt, müsste der FSV mindestens noch den 34. Spieltag austragen. Wenn die Hessen erst danach aus dem Spielbetrieb ausscheiden, würden die nicht ausgetragenen Spiele – konkret gegen Mainz II, Magdeburg, Bremen II und Wiesbaden – für den Gegner gewertet werden. Alle anderen Partien bleiben gemäß des Spielausgangs in der Wertung.

Perspektiven

Welche Konsequenzen drohen dem FSV?

Der DFB sieht in Paragraf 6 seiner Spielordnung einen Abzug von neun Punkten in der laufenden Saison vor. Nur in besonderen Ausnahmefällen kann von diesem Punktabzug abgesehen werden, beispielsweise wenn gegen den Hauptsponsor zuvor ein Insolvenzverfahren eröffnet worden ist. Weitere Konsequenzen über einen Punktabzug hinaus sind nicht vorgesehen.

Hat der FSV Frankfurt noch Chancen auf den Klassenerhalt?

Sobald der Punktabzug rechtskräftig wird, würde der FSV nach aktuellem Stand auf den letzten Tabellenplatz und 14 Zähler hinter das rettende Ufer zurückfallen. Der Abstieg in die Regionalliga wäre somit sehr wahrscheinlich besiegelt.

Welche Perspektive hat der Verein nun?

"Der heutige Tag heißt nicht, dass wir den Überlebenskampf verloren haben. Wir haben den Anspruch im nächsten Jahr in der Regionalliga zu spielen", blickt Präsident Görner voraus. Eine entsprechende Lizenz ist fristgerecht beantragt worden, auch die für die Regionalliga notwendige Bürgschaft in Höhe von lediglich 35.000 Euro sollte kein Problem sein. "Die bereits geführten Gespräche mit unseren Partnern und Sponsoren geben uns (…) die begründete Hoffnung, dass nach einem durchgestandenen Insolvenzverfahren der Neustart in der Regionalliga Südwest möglich ist", führte Görner weiter aus. "Es ging uns immer darum, auch nach Saisonende eine vernünftige Perspektive zu haben."

Ob der direkte Wiederaufstieg realistisch ist, scheint allerdings fraglich. Unter anderem muss sich der FSV für die Regionalliga nach einem neuen Hauptsponsor umschauen. Rein sportlich müsste Frankfurt durch das Nadelöhr Relegation.

Wird der FSV auch in der Regionalliga im Stadion am Bornheimer Hang spielen?

So ist es geplant. Offen scheint allerdings noch, ob der Verein eine Stadionmiete zahlen kann. Derzeit sind die Mieten von der Stadt Frankfurt gestundet. Der Ausstieg von Namenssponsor "Volksbank" steht unterdessen schon seit mehreren Wochen fest.

Warum kein Zwangsabstieg droht

Als Alemannia Aachen im November 2012 einen Insolvenzantrag gestellt hatte, standen zwischenzeitlich ein Zwangsabstieg und die Annullierung aller Punkte im Raum. Warum sind diese Regelungen in Bezug auf den FSV Frankfurt nun kein Thema?

Mit dem 1. Juli 2014 wurde Paragraf 6 der DFB-Spielordnung geändert. Bis dahin galt: Wurde über das Vermögen eines Vereins der 3. Liga das Insolvenzverfahren eröffnet oder die Eröffnung mangels Masse abgelehnt, stand er automatisch als erster Absteiger fest. Mittlerweile ist als Rechtsfolge, z.B. eines eigenen Antrags auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch einen Verein der 3. Liga, grundsätzlich der Abzug von neun Punkten vorgesehen. Die Regularien wurden diesbezüglich mit Beginn der Saison 2014/2015 an die Bundesliga und 2. Bundesliga angepasst, die bereits zuvor so verfahren waren. Heißt: Früher hatten ein bloßer Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens und die Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens noch gar keine spieltechnischen Konsequenzen. Der Zwangsabstieg wäre erst und nur dann erfolgt, wenn das Insolvenzverfahren später auch eröffnet oder dies mangels Masse abgelehnt worden wäre. Jetzt kommt es also zu einer milderen Rechtsfolge (Punktabzug statt Zwangsabstieg), diese greift allerdings ggf. bereits zu einem früheren Zeitpunkt ein.

Im Fall von Alemannia Aachen kam der Zwangsabstieg letztlich nicht zum Tragen, da das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag eröffnet worden ist. Somit war auch die zwischenzeitlich diskutierte Annullierung aller Punkte kein Thema mehr. Aachen ist am Ende der Saison 2012/13 aber sportlich abgestiegen.

Wann entscheidet der DFB über den Punktabzug?

Zunächst wird der DFB eine schriftliche Stellungnahme anfordern. Für diese hat der FSV nun mehrere Tage Zeit. Anschließend wird der DFB-Spielausschuss zeitnah über den möglichen Punktabzug entscheiden. Beim VfR Aalen lagen zwischen Insolvenzantrag und Punktabzug knapp vier Wochen.

Würde der Punktabzug schon in dieser Saison greifen?

Ja. Wird der Insolvenzantrag während der laufenden Spielzeit gestellt, erfolgt der Punktabzug gemäß Paragraf 6 der DFB-Spielordnung in der aktuellen Saison. Wird das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag beantragt, erfolgt der Abzug mit Beginn der neuen Saison. Dies war zuletzt bei Viertligist Offenbach der Fall, der aufgrund eines nach Saisonende gestellten Insolvenzantrages mit neun Minuspunkten in die laufende Spielzeit gestartet ist. Beim VfR Aalen greift der verhängte Punktabzug dagegen in der laufenden Saison.

Die Auswirkungen und wie Lettieri reagiert hat 

Welche Auswirkungen hätte der drohende Punktabzug für die übrigen Vereine der 3. Liga?

Auf das Punktekonto der anderen Vereine hätte ein Punktabzug beim FSV Frankfurt keine Auswirkungen. Auch in der Tabelle ändert sich bis auf die Tatsache, dass die Bornheimer auf den letzten Platz zurückfallen würden, nichts.

Gab es schon ähnliche Fälle in der Geschichte der 3. Liga?

Erst vor knapp zwei Monaten meldete der VfR Aalen einen Insolvenzantrag an und bekam ebenfalls neun Punkte abgezogen. Jedoch hat der Verein am Dienstag zum dritten Mal Einspruch gegen das Urteil eingelegt, sodass der Punktabzug noch nicht endgültig rechtskräftig ist.

In den vergangenen Jahren profitierten derweil gleich mehrere Vereine von finanziellen Problemen der Konkurrenz. In der Saison 2008/2009 blieb Wacker Burghausen durch den freiwilligen Rückzug der Kickers Emden in der 3. Liga. Zwei Jahre später profitierten Bremen II und erneut Burghausen von den Zwangsabstiegen von Rot Weiss Ahlen und der TuS Koblenz. Nach der Saison 2013/14 verweigerte der DFB-Lizenzierungsausschuss den Offenbacher Kickers wegen Regelverstößen die Drittliga-Lizenz für die kommende Spielzeit, sodass Darmstadt 98 in der 3. Liga blieb und den Durchmarsch in die Bundesliga schaffte.

Wie viele Vereine haben in der Drittliga-Geschichte bereits einen Insolvenzantrag gestellt?

Nach Rot Weiss Ahlen (2011), Alemannia Aachen (2012) und dem VfR Aalen (2017) ist der FSV Frankfurt nun der vierte Verein.

Droht die Gefahr, dass der FSV die verbleibenden sechs Spiele "abschenken" wird?

Eher nicht. Trainer Gino Lettieri kündigte unmittelbar nach Bekanntwerden der Insolvenz via Facebook an, "jetzt keine lustigen Stadion-Besuchsfahrten" bis zum Saisonende veranstalten zu wollen, um dort freiwillig Punkte abzuliefern. "Es wird bis zum letzten Moment gekämpft werden! Das lebe ich vor und das Gleiche erwarte ich auch von jedem Einzelnen meines Teams – bis zum letzten Moment dieser Saison", so der 50-Jährige. Alles andere sei unsportlich und unfair den anderen Mannschaften gegenüber. "Den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung möchte ich mir nicht machen lassen!", betont der FSV-Coach. "Darüber hinaus ist es eine auch Frage des Respektes gegenüber unseren Anhängern und gegenüber dem Verein." Auch für die Spieler geht es noch darum, sich möglicherweise für andere Vereine zu empfehlen.

 

.

  • Cox Orange

    Die Fernsehgelder sind für Drittliga-Verhältnisse im Vergleich zu anderen Ländern nicht schlecht, auch wenn mqan natürlich sagen kann, dass der Abstand beim Geld größer ist als der Abstand des spielerischen Niveaus. Aber man kann damit wirtschaften, darf natürlich nicht glauben, man sei ein "Fast-Zweitligist" .

  • Cox Orange

    Wie oft soll man es noch sagen:
    man kann einen Verein in der 3. Liga mit Plus/Minus 0 oder sogar Gewinn führen, dafür gibt es ausreichend Beispiele. Dafür muss man als Absteiger aus der 2. Liga natürlich die Strukturen anpassen und muss den Kader auch auf Drittliga-Niveau bezahlen.

    Wie man es nicht machen darf, zeigen die aktuellen Beispiele aus Chemnitz (überteuerter Kader), Aalen (Altschulden aus verpasster Strukturanpassung nach Abstieg) und jetzt auch aus Frankfurt (ähnlich Aalen). In Paderborn läuft es prinzipiel ähnlich wie in Frankfurt, das wäre der nächste Kandidat.
    Auch die früheren Probleme in Rostock resultierten aus einer fehlenden (zu langsamen) Anpassung der Strukturen an die 3. Liga.

  • Tom Noering

    Es ist echt zum kotzen… Da werden in den beiden ersten Ligen Millionen an Fernsehgelder bezahlt und in der 3. Liga wackeln sich die Vereine von einem finanziellen Loch zum anderen hin. Wann wird der DFB und die DFL endlich mal wach und unterstützt die 3. Liga besser. Vor allem wir die Attraktivität mit dem Verkauf der Übertragungs-Rechte an die Telekom nochmals leiden, da nur eine begrenzte Zahl an Zuschauer noch mehr Geld für Fußball- TV zahlen werden. Damit wird es auch für Firmen weniger lukrativ im Stadion Werbung zu platzieren und die Einahmen schwinden erneut.

  • KÜSTENjunge

    Da gibt es noch andere Kandidaten!
    In der Liga ist wohl nur Mainz U23 und Magdeburg Schuldenfrei…

    • Sterneneisen

      der HFC ebenso

Send this to friend